Biologische Proben: “Müll rein bedeutet auch Müll raus”

27.02.18

IBBL (Integrated BioBank of Luxembourg)Diesen Artikel drucken

Die Biologin Fay Betsou über Stolpersteine bei der Archivierung und Analyse biologischer Proben – und dazu, wie man’s richtig macht

Fay, Du arbeitest als leitende Wissenschaftlerin bei der IBBL (Integrated Biobank of Luxembourg). Was ist eine Biobank und was zeichnet sie aus?

Eine Biobank ist eine Einrichtung, um die Wissenschaft zu unterstützen – in unserem Fall die biomedizinische Forschung. In einer Biobank werden biologische Proben, wie etwa Blut, Urin oder Gewebe gesammelt und für Forscher bereitgestellt, die daran Untersuchungen vornehmen wollen.

Haben Wissenschaftler denn nicht schon immer ihre Proben für den späteren Gebrauch archiviert?

Natürlich, Biobanken gibt es seit Jahrhunderten. Aber es wird zunehmend deutlich, dass diese professionell sein müssen, sprich ausgewiesene und zertifizierte Einrichtungen – denn die Qualität der Proben ist ausschlaggebend für verlässliche Forschung. Es gibt Studien, in denen Wissenschaftler Proben von Erkrankten und Kontrollgruppen vergleichen, die nicht mit genau  der gleichen Methode aufbereitet und behandelt wurden. Daraus können sich dann bei einer Forschungsarbeit Unterschiede zwischen den Proben ergeben, die nicht durch die klinischen Befunde verursacht wurden sondern durch unterschiedliche Qualität der Proben. Die Arbeiten sind dann nicht reproduzierbar. Biobanken helfen, solchen Fehler zu vermeiden.

Wie genau macht Ihr als Biobank das?

Wir dokumentieren alles haargenau, vom Zeitpunkt der Probennahmen, über den Transport bis zur Bearbeitung und lagern die Proben bei sehr niedrigen Temperaturen (-80°C oder sogar -196°C), so dass die Eigenschaften der Proben möglichst erhalten bleiben, wie im lebenden Organismus. Wie untersuchen zudem, wie sich biologische Proben verhalten, wenn sie verschiedenen Einflüssen vor der eigentlichen Analyse ausgesetzt werden. Denn zwischen dem Moment der Probennahme – sei es bei Probenmaterial aus der Leber, einer Urinprobe oder einer anderen Gewebeprobe – und dem Moment wenn man sie stabilisiert (z.B. durch Einfrieren oder chemische Stabilisatoren), verändert sich eine Menge. Am Ende hängt aber alles von der Qualität ab. Denn: Müll rein bedeutet auch Müll raus. Und das gilt es zu vermeiden.

Auf was für Einflüsse müsst ihr beispielsweise achtgeben?

Etwa auf die Zeit: Es könnte beispielsweise sein, dass eine Zeitverzögerung von mehr als drei Stunden zwischen Probennahme und Stabilisierung einen Einfluss auf die Messung hat. Oder wenn wir DNS aus einer Probe extrahieren: Welche Probengefäße benutzen wir und welche Stabilisatoren? All das müssen wir wissen um sicherzustellen, dass wir und zukünftige Nutzer der Proben die richtige Methodik anwenden.

Am Ende liefert Ihr den Wissenschaftlern also das perfekte methodische Protokoll, eine zweifelsfreie “Kochanleitung”…?

Nicht zwingend. Das hängt davon ab, wofür die Proben später genutzt werden sollen. Es kann viele verschiedene richtige Methoden geben. Wichtig ist, dass jede Methode von anderen Biobanken überpüft und bestätigt werden kann. In manchen Fällen ist es besser, Probenmaterial verfügbar zu haben, das mit verschiedenen Methoden aufbereitet wurde.

Warum das?

Stell Dir etwa vor, dass ein Biomarker für eine bestimmte Krankheit entwickelt wurde. Ein Biomarker ist ein Indikator, der in einer biologischen Probe gemessen werden kann, z.B. der Zuckerspiegel im Blut bei Diabetespatienten. Wir brauchen hierfür Proben, die unterschiedlich aufbereitet wurden, um sicherzustellen, dass der Biomarker bei diesen verschiedenen Proben funktioniert. Wenn jeder die gleiche Methode nutzen würde, hätten wir keine Chance herauszufinden, ob der Biomarker funktioniert.

Hinsichtlich der Erforschung von Probenmaterial organisierst Du gerade ein Symposium, dass am 27. und 28. Februar 2018 in Luxemburg stattfindet

Genau. Ich freue mich sehr darauf, denn es ist die erste Veranstaltung in Europa, die sich genau diesem Thema widmet. Die Ergebnisse des Symposiums werden wir später im größeren Rahmen auf dem Jahrestreffen der International Society for Biological and Environmental Repositories in Toronto in diesem Jahr präsentieren – eine große Chance, um unsere Forschung weltweit bekannt zu machen.

Autor: Tim Haarmann
Foto: Fay Betsou

 

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Mini-Lebenslauf

Dr. Fay Betsou ist Molekularbiologin, Associate Professor an der Universität Luxemburg und Chief Scientific Office der IBBL (Integrated BioBank of Luxembourg). Sie ist Spezialistin für Molekulardiagnostik, forschungsorientierte Biobanken und Probenforschung. Von 2013 bis 2014 war sie Präsidentin der Interntional Society for Biological and Enivronmental Repositories. Mehr Informationen: www.biobank.lu