Sprachliche Frühförderung von Kindern: Die Suche nach dem richtigen Ansatz

09.11.16

Université du LuxembourgDiesen Artikel drucken

Sprachliche Frühförderung von Kleinkindern verbessert deren spätere Lese- und Schreibfähigkeiten. Ein leicht umsetzbares Universalkonzept gibt es aber nicht.

Die Ausgangslage ist ernüchternd: „45 Prozent der neunjährigen Kinder in Luxemburg haben Defizite im Leseverständnis“, sagt  Pascale Engel de Abreu. Die Psychologin der Uni Luxemburg befasst sich unter anderem mit der mehrsprachlichen Entwicklung bei Kindern. Und als Expertin auf diesem Gebiet weiß sie, dass eine frühkindliche Förderung das spätere Sprachenlernen in der Schule erleichtert. Engel de Abreu weiß aber auch, dass es längst nicht egal ist, wie gefördert wird.

„Man kann nicht einfach sagen: Je früher die Förderung beginnt, desto besser“, erklärt die Wissenschaftlerin. Kinder im Kindergarten mit Französisch zu konfrontieren, habe in der späteren Schullaufbahn nicht zwangsläufig bessere Lese- und Schreibfähigkeiten in dieser Sprache zur Folge. Umgekehrt aber führe eine Förderung der (zu Hause) gesprochenen Sprache zu einer Verbesserung der allgemeinen Sprachkompetenz, betont Engel de Abreu.

Das bestätigt auch Silke Fricke, Sprachtherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der University of Sheffield.  Sie ist Teilnehmerin der von Engel de Abreu organisierten und aktuell laufenden öffentlichen Veranstaltungsreihe „The Developing Child: Learning and Learning Difficulties in a Multilingual Context“ an der Uni Luxemburg.

Bringt Sprachunterricht im Kindergarten etwas?

Fricke hat zum Beispiel untersucht, wie sich bei Kindergarten- und Vorschulkindern kurze Lerneinheiten auf zukünftige Fähigkeiten auswirken. Über einen  längeren Zeitraum (20 beziehungsweise 30 Wochen) wurde mit den Kindern zwei Mal pro Woche im Bereich des Hör- und Erzählverständnisses sowie des (englischen) Wortschatzaufbaus geübt. Unterm Strich haben die Studien gezeigt, dass die Förderungen einen positiven Effekt hatten. Und das sowohl bei einsprachigen Kindern (Englisch als Muttersprache) als auch bei den Kindern, bei denen zu Hause eine andere Sprache gesprochen wird.

Jedoch waren die Effekte nicht in allen Bereichen signifikant messbar. „In manchen Fällen hat es sich auf die allgemeine Sprachanwendung ausgewirkt, bei anderen waren die Erfolge lediglich auf den Wortschatz begrenzt“, erklärt Fricke. „Um die Kinder gezielt zu fördern, müssen wir noch mehr herausfinden, welche Faktoren die Therapie oder den Förderverlauf positiv beeinflussen.“

Forschungsergebnisse aus dem Ausland nur schwer auf Luxemburg übertragbar

Dafür allerdings benötige man langjährige Untersuchungen, so Engel de Abreu. Doch genau da liege mit Blick auf die aktuelle Diskussion um die geplante Einführung der zweisprachigen Kindergärten in Luxemburg der Knackpunkt. „Die Politik sucht schnelle Antworten“, sagt sie. „Aber die Wissenschaft ist nun mal nicht in der Lage, diese Antworten so schnell zu liefern.“ Zudem gebe es länderspezifische Unterschiede, ergänzt die Psychologieprofessorin. „Forschungsergebnisse aus Großbritannien lassen sich nicht einfach so auf Luxemburg übertragen.“

„Es ist besser, nach dem richtigen Ansatz zu forschen, als auf die Schnelle einfache Konzepte umzusetzen“, meint auch Fricke. „Um zu wissen, ob eine bestimmte Förderung in Kindergärten langfristig etwas bringt, muss man wahrscheinlich auch entsprechend in Material, Personal und eben Zeit investieren.“

Autor: Uwe Hentschel

Foto: Uwe Hentschel

 

Diaporama

Auch in dieser Rubrik

Eine junge Doktorandin aus Bosnien-Herzegowina untersucht Luxemburger Industriegeschichte - in Brasilien

22.06.17 Die Rolle der Arbed im Bereich Social Entrepreneurship und Bildung steht im Fokus des Forschungsprojekts FAMOSO an der Universität Luxemburg. > Ganzen Artikel lesen

Mehr als nur eine Sammlung von Paragrafen: Forscher arbeiten an einem offenen und transparenten Zugang zu Gesetzesinhalten

19.06.17 Gesetzestexte können im Internet zwar gelesen, selten aber interaktiv genutzt werden. Experten haben nun Technologien zur Lösung des Problems entwickelt. > Ganzen Artikel lesen

"Würmer", "Wierm" oder "vers": Wie lassen sich wissenschaftliches Lernen und der Erwerb von Sprachkompetenz miteinander verbinden?

14.06.17 Kinder lassen sich schnell für naturwissenschaftliche Experimente begeistern. Umsetzen müssen sie ihr erworbenes Wissen dann aber oft in einer Zweitsprache. > Ganzen Artikel lesen

Kunstmarkt: "Die spekulative Blase ist geplatzt"

07.06.17 Die Prognose eines Professors der Luxembourg School of Finance wurde bestätigt. > Ganzen Artikel lesen

Weshalb müssen wir Steuern zahlen? Irina Burlacu hat ein Gesellschaftsspiel zum Thema Steuern entwickelt

25.04.17 Warum müssen wir eigentlich Steuern zahlen? Die Forscherin Irina Burlacu erklärt ihre Forschungsthematik auf eine kreative Art und Weise... > Ganzen Artikel lesen

Infobox

Programm

27.10.2016 : Boosting Early Language as a Foundation for Literacy: Essential but neither Simple nor Easy
Dr. Silke Fricke – The University of Sheffield (UK) - Maison du Savoir 3.230

10.11.2016 : The Science of Bilingualism and its Implications on Development and Learning
Dr. Gigi Luk – Harvard University (US) - Maison du Savoir 3.220

15.12.2016 : Orthographic and Alphabetic Learning in Dyslexia
Dr. Ana Paula Vale – Universidade de Trás-os-Montes e Alto Douro (Portugal) - Maison du Savoir 2.220

02.02.2017 : Cognitive-Linguistic Processing in Hindi-English Children: Cross Cultural Perspectives from the UK and India
Dr. Meesha Warmington – The University of Sheffield (UK) - Maison des Sciences Humaines, Black Box

23.02.2017: Cognitive, Linguistic, and Literacy Development in Young Bilingual Children Learning English as an Additional Language
Dr. Dea Nielsen – Bradford Institute for Health Research (UK) - Maison des Sciences Humaines, Black Box
 


Verwandte Themen