Mit Mond- und Marsmissionen hat China in jüngster Zeit in der Raumfahrt massiv aufgeholt. Am Donnerstag will die Volksrepublik mit der ersten bemannten Mission zu ihrer neuen Raumstation "Tiangong" einen neuen Meilenstein erreichen. Eine Rakete vom Typ Langer Marsch 2-F soll um 09.22 Uhr (Ortszeit, 03.22 Uhr MESZ) drei Taikonauten im Raumschiff Shenzhou-12 zu der noch im Ausbau befindlichen Raumstation bringen. Dort sollen sie drei Monate verbringen.

So lang hat bislang noch keine bemannte Raummission Chinas gedauert. Chinas bisher letzte bemannte Raummission liegt bereits fast fünf Jahre zurück. Die nun geplante Mission ist eine Frage des Prestiges: Schließlich feiert die in Peking herrschende Kommunistische Partei Chinas am 1. Juli ihr hundertjähriges Bestehen.

Davon abgesehen gibt es bei der Mission auf der "Tiangong" viel zu tun, unter anderem mehrere Außeneinsätze. Die drei Taikonauten unter dem Kommando von Nie Haisheng hätten die Aufgabe, "ihr neues Zuhause im Weltraum auszurüsten und einsatzbereit zu machen", erläutert Jonathan McDowell vom Smithsonian-Zentrum für Astrophysik der US-Universität Harvard. "Das ist eher ein praktisches als ein bahnbrechendes Ziel."

Starten soll die Mission von einer Raumstation in der Wüste Gobi im Nordwesten Chinas. Das Raumschiff Shenzhou-12 soll dann an dem Tiangong-Hauptmodul Tianhe andocken, das erst am 29. April in seine Erdumlaufbahn gebracht worden war.

"Tingong" bedeutet "himmlischer Palast", "Tianhe" heißt "himmlische Harmonie". Im Laufe der nächsten anderthalb Jahre soll der Bau der Raumstation mit elf weiteren Missionen abgeschlossen werden. Dazu gehört das Anbringen von Solarmodulen und zwei Forschungsmodulen. Drei der geplanten Missionen sollen Taikonauten zur Raumstation bringen, um die Besatzung regelmäßig auszutauschen.

"Die Station aufzubauen und störungsfrei zu betreiben, erfordert viel komplizierte Arbeit und Arbeit im Detail, wie wir das bei der Internationalen Raumstation ISS in ihren Anfangstagen gesehen haben", sagt Chen Lan von der auf das chinesische Raumfahrtprogramm spezialisierten Website "GoTaikonauts". Tatsächlich sei der Aufbau der ISS, die unter anderem von den USA und Russland betrieben wird, "viel langsamer" vonstatten gegangen.

Wenn "Tiangong" einmal fertig ist, wird sie laut chinesischer Raumfahrtbehörde rund 90 Tonnen schwer und mindestens zehn Jahre lang im Einsatz sein. Der chinesische Stützpunkt im All ist deutlich kleiner als die ISS. Er erinnert eher an die sowjetische Raumstation Mir, die von 1986 bis 2001 betrieben worden war.

Bei der ersten Mission verfügen Nie und seine beiden Kollegen über jeweils ein eigenes kleines Modul zum Schlafen und teilen sich Badezimmer, Essbereich und ein Kommunikationszentrum für den Kontakt zur Erde.

In den vergangenen Jahrzehnten steckte China Milliardensummen in die Raumfahrt, um zu den großen Weltraumnationen USA und Russland aufzuschließen. China hat Proben auf dem Mond gesammelt und im Mai einen Rover auf dem Mars landen lassen. Das Streben nach einer eigenen Raumstation war dadurch befördert worden, dass die USA chinesischen Raumfahrern die Nutzung der ISS verweigerten.

Nun kann die Volksrepublik ihre Eigenständigkeit unter Beweis stellen. Staatschef Xi Jinping sieht in der chinesischen Raumstation einen entscheidenden Schritt zum "Aufbau einer großen Nation der Wissenschaft und Technologie", wie er nach dem Transport des "Tianhe"-Moduls ins All im April sagte.

Die ISS soll eigentlich nur noch bis 2024 in Betrieb sein. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa schließt allerdings eine Nutzung bis zum Jahr 2028 nicht aus. Früher oder später könnte aber die Lage eintreten, dass China als einziges Land eine Raumstation betreibt.

Konkrete Pläne für eine internationale Zusammenarbeit in ihrer Raumstation hat die Volksrepublik nicht. Wie Chinas Behörde für bemannte Raummissionen (CMSA) am Mittwoch bekräftigte, ist sie jedoch offen für internationale Kooperationen - dann aber wohl zu ihren Bedingungen.