Knapp zwei Jahre nach ihrem Start zum Planeten Merkur hat die europäisch-japanische Raumfahrtmission "BepiColombo" eine wichtige Zwischenetappe auf ihrem komplizierten Reiseweg gemeistert: Die Raumsonde absolvierte am frühen Donnerstagmorgen den ersten von zwei Vorbeiflügen an unserem Nachbarplaneten Venus, wie die Europäische Raumfahrtagentur ESA mitteilte. "BepiColombo" erreichte demnach um 05.58 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit mit 10.720 Kilometern ihren kürzesten Abstand zur Venus-Oberfläche.

Als erste europäische Mission zum sonnennächsten Planeten Merkur war "BepiColombo" am 20. Oktober 2018 zu einer siebenjährigen Reise zum kleinsten und am wenigsten erforschten Planeten unseres Sonnensystems gestartet. Dabei gilt die nach dem italienischen Mathematiker und Ingenieur Giuseppe (Bepi) Colombo benannte und von der ESA geleitete Mission als das bislang komplizierteste Raumfahrtprojekt Europas.

Kompliziert ist die Reise vor allem durch Merkurs Nähe zur Sonne. Angesichts der enormen Schwerkraft der Sonne erfordert es viel Energie, eine Raumsonde so abzubremsen, so dass sie in eine Umlaufbahn um den innersten Planeten des Sonnensystems einschwenken kann. Für diese Geschwindigkeitsanpassungen machen sich die Flugingenieure die Gravitation der Planeten zunutze.

Im Fall von "BepiColombo" bedeutet dies: Die Sonde muss insgesamt neun Planeten-Vorbeiflüge absolvieren. Um die Geschwindigkeit anzupassen, flog "BepiColombo" im vergangenen April bereits einmal dicht an der Erde vorbei. Nun folgte der erste von zwei Vorbeiflügen an der Venus. Später wird "BepiColombo" sechsmal am Merkur vorbeifliegen, bevor die Sonde 2025 in eine Umlaufbahn um ihren Zielplaneten einschwenken soll.

Merkur bildet mit Venus, Erde und dem weiter außerhalb um die Sonne kreisenden Mars die vier Gesteinsplaneten des Inneren Sonnensystems und ist eine Welt der Extreme: Er zeigt nach früheren Angaben des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung (MPS) große Einschlagbecken, bis zu drei Kilometer hohe Steilkanten, die wahrscheinlich auf das Schrumpfen des Planeten zurückzuführen sind, und vulkanisch entstandene Gebiete.

Hinzu kommen Höchsttemperaturen von 470 Grad Celsius, ein schwaches globales Magnetfeld und eine ausgesprochen dünne Atmosphäre, genannt Exosphäre. Bislang erreichten nur zwei Missionen der US-Raumfahrtbehörde Nasa den Merkur: "Mariner 10" in den 70er Jahren und die Raumsonde "Messenger", die den Merkur von 2011 bis zur Erschöpfung ihres Treibstoffvorrats im April 2015 umkreiste.

Die "BepiColombo"-Mission soll demnächst die Besonderheiten der inneren Struktur des Merkurs und seines Magnetfelds erforschen und unter anderem der Frage nachgehen, ob es in den sonnenabgewandten Kratern Eis gibt. Dazu nutzt "BepiColombo" zwei separate Orbiter: den von ESA bereitgestellten "Mercury Planetary Orbiter" und den "Mercury Magnetospheric Orbiter" der japanischen Weltraumbehörde Jaxa.

Der erste Vorbeiflug der Sonde an der Venus bot den Wissenschaftlern nach ESA-Angaben eine einzigartige Gelegenheit, wertvolle wissenschaftliche Daten zu sammeln. "Nach dem erfolgreichen Vorbeiflug an der Erde, bei dem unsere Instrumente noch besser funktionierten als erwartet, sind wir nun gespannt, was beim Vorbeiflug an der Venus herauskommen wird", erklärte Johannes Benkhoff, ESA-Wissenschaftler des "BepiColombo"-Projekts.

"Wir müssen geduldig sein, während unsere Venus-Spezialisten die Daten sorgfältig prüfen, aber wir hoffen, einige Temperatur- und Dichteprofile der Atmosphäre, Informationen über die chemische Zusammensetzung und die Wolkendecke sowie über die Wechselwirkung der magnetischen Umgebung zwischen Sonne und Venus liefern zu können", erläuterte Benkhoff. "Wir rechnen im nächsten Jahr mit mehr Ergebnissen, wenn die Mission beim Vorbeiflug eine nähere Distanz erreicht."

Beim ihrem zweiten Venus-Vorbeiflug, der für den 10. August 2021 geplant ist, wird sich die Raumsonde der Venus-Oberfläche auf bis zu 550 Kilometern nähern.