Kommunizierende Autos bekämpfen den Phantomstau

16.09.14

University of LuxembourgDiesen Artikel drucken

Wenn sich der Verkehr staut, ist Raphaël Frank in seinem Element. Als Forscher im VehicularLab der Uni Luxemburg kennt er die Ursachen und die Lösung.

Es gibt Menschen, die erkennen Schockwellen schon von weitem. Wie zum Beispiel Raphaël Frank. Wenn sich irgendwo eine dieser Schockwellen anbahnt, weiß er, was zu tun ist. „Ich versuche, langsam zu fahren und zum Auto vor mir eine größere Lücke zu lassen“, sagt er. „Problematisch wird es nur, wenn einer von rechts kommt und diese Lücke füllt.“
Dann nämlich passiert genau das, was Raphaël Frank vermeiden möchte: Die Schockwelle wandert weiter. Erst wird der Verkehr zähflüssig und dann geht gar nichts mehr. Bis sich der Stau dann plötzlich wieder auflöst. So wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder. Und das ohne erkennbaren Grund.

Das erste Bremsen löst die Kettenreaktion aus

„Phantomstau“ nennen das die Forscher. Und Raphaël Frank ist einer von ihnen.  Der 31-Jährige arbeitet im VehicularLab am Interdisciplinary Center for Security, Reliability and Trust (SnT) der Universität Luxemburg an der Optimierung des Verkehrs. Und der promovierte Informatiker weiß deshalb ganz genau, wie ein Phantomstau entsteht.

Entscheidende Faktoren sind die Verkehrsdichte und das individuelle Fahrverhalten, erklärt er. Einer bremst ab, der dahinter bremst etwas stärker, und von Fahrzeug zu Fahrzeug verstärkt sich der Bremsvorgang immer weiter. Bis zum Stillstand.

Kommunikation zwischen den Fahrzeugen: die Lösung?

Damit es dazu erst gar nicht kommt, haben Raphaël Frank und sein Team im VehicularLab ein System entwickelt, das auf eine Kommunikation zwischen den Fahrzeugen setzt. Aufgrund der Daten, die das eigene Fahrzeug von anderen Autos im Verkehr empfängt, kann es an den Fahrer eine Geschwindigkeitsempfehlung abgeben. Hält sich der Fahrer an diese Vorgabe, kann er so Phantomstaus vermeiden.

„Der Verkehr wird dadurch nicht unbedingt schneller, aber fließender und sicherer“, sagt Raphaël Frank. Zudem sinkt dadurch der Energieverbrauch, während gleichzeitig das Fahren spürbar komfortabler wird. Und besonders interessant ist das System für den Verkehrsforscher vor allem deshalb, weil es schon funktioniert, wenn nur zehn Prozent der Fahrzeuge damit ausgestattet sind.

System kann nur erfolgreich sein, wenn es einheitlich ist

Nachdem das System bereits mit Lego-Robotern erfolgreich unter Beweis gestellt wurde, soll es zunächst mit 20 Fahrzeugen auf der Straße getestet werden. Wie Raphaël Frank erklärt, sind bereits einige Industriepartner daran interessiert. Funktionieren kann es allerdings nur, wenn sich die Fahrzeughersteller auf eine Software einigen. „Wenn die Daten nachher beispielsweise nur unter Mercedes-Fahrzeugen ausgetauscht werden, wäre das eher suboptimal“, meint der Forscher. Er geht davon aus, dass diese Systeme innerhalb der kommenden zehn Jahre zum Einsatz kommen werden.

Raphaël Frank fährt auch selbst gerne Auto. Und er gehört zu den Autofahrern, „die jeden Schnickschnack ausprobieren“. Wenn es allerdings etwas gibt, worauf er verzichten kann, dann sind das vermeintlich sparsame Eco-Drive-Systeme. „Die haben keine Substanz“, sagt er,  „und werden einfach nur eingebaut, weil es gerade hipp ist.“

Autor: Uwe Hentschel
Foto © Uwe Hentschel

 

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Wie das Handy das Fahrverhalten beobachtet

Zu den Forschungsprojekten im VehicularLab am SnT der Universität Luxemburg gehört auch das „Sense Fleet“. Dabei liefert das Smartphone mit Hilfe einer App eine Analyse des Fahrverhaltens und zeichnet diese bei Bedarf auch auf. Wenn der Autofahrer zum Beispiel sehr zügig durch eine Kurve fährt oder sehr rasant beschleunigt, reagiert das Smartphone um-gehend mit einem entsprechenden Hinweis. Der Fahrer wird somit für sein eigenes Verkehrs-verhalten sensibilisiert.

Wie Raphaël Frank vom VerhicularLab erklärt, sind bereits einige Versicherungsunternehmen daran interessiert, da mit dieser App Daten über das Fahrverhalten der Kunden gesammelt und so eine bessere Einschätzung über das Risiko-Profil der Kunden zu gewinnen. Es handelt es sich dabei allerdings nicht um ein Blackbox-System, mit dem der Fahrer überwacht werden soll, betont der Verkehrsforscher. Ziel dieser App ist das Training und die Belohnung eines sicheren Fahrverhaltens und damit die Vermeidung von Unfällen. Wie diese Belohnung aussieht, wird der Markt zeigen.
 


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