Über den Nutzen der PISA-Studie: Nicht das globale Ranking zählt…

06.12.16

Université du LuxembourgDiesen Artikel drucken

PISA ist die wohl bekannteste wissenschaftliche Bildungsstudie. Was ist eigentlich ihr Wert für Luxemburg? Und was hat sie seit 2000 bewirkt?

Antoine Fischbach und Sonja Ugen vom Luxembourg Centre for Educational Testing, kurz LUCET, sind für die Uni Luxemburg verantwortlich für die Auswertung der PISA-Studie. Science.lu hat mit beiden Forschern über den Nutzen von solchen empirischen Studien gesprochen, über einige Kritikpunkte an der Studie sowie darüber, was aus ihr (medial) gemacht wird.

In den Medien wird hauptsächlich das Gesamtranking der PISA-Studie diskutiert. Ist das wirklich das Wichtigste an der Studie?

Sonja Ugen: Das Gesamtranking sagt nicht sonderlich viel aus. Was haben wir davon zu wissen, ob Luxemburg 1-2 Plätze gestiegen oder gefallen ist gegenüber 2012? Es sind nicht mal alle Jahre gleich viele Länder, die mitmachen oder beim Ranking aufgezeigt werden. Außerdem sind, aufgrund teilweise sehr unterschiedlicher Kontextbedingungen, nicht alle Länder so einfach miteinander vergleichbar. Was aber durchaus viel Erkenntniswert für unser Schulsystem hat, sind die etwas detaillierteren Ergebnisse.

Wie z.B. ?

Sonja Ugen: Der Einfluss des Sprachhintergrundes oder des sozio-ökonomischen oder kulturellen Umfeldes auf die schulischen Fähigkeiten in Luxemburg. Oder die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen und auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen luxemburgischen Schulformen.  Auch interessant ist der Vergleich zu anderen Bildungssystemen: inwiefern gibt es ähnliche Situationen in anderen Ländern und wie gehen diese mit solchen Faktoren um? All das sind relevante Daten, die wichtige Erkenntnisse liefern, mit denen wir konstruktiv umgehen können.

Wird dies getan?

Antoine Fischbach: Es hat sich bereits viel geändert im Umgang mit PISA. PISA 2000 war für viele Länder ein regelrechter Schock, darunter auch Luxemburg und Deutschland. Die erste Reaktion auf die unerwarteten Ergebnisse war dabei oftmals die gleiche: Kritik am Messstab, also erstmal behaupten, die Studie sei schlecht und nicht angemessen. Deutschland hat sich anders als Luxemburg schneller mit dem ernüchternden Ergebnis abgefunden, und sich bereits kurze Zeit nach dem 2000er Schock konstruktiv mit den Resultaten auseinandergesetzt. Die 2003 veröffentlichte sogenannte Klieme-Expertise zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards analysierte indirekt, was die besser abschneidenden Länder anders machten.

Und was haben diese Länder laut der Expertise anders gemacht?

Antoine Fischbach: Systematische Qualitätssicherung schien dabei ein wichtiger Erfolgsfaktor zu sein. Mit der Gründung des IQB, einem wissenschaftlichen Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, wurden 2004 erste konkrete Maßnahmen ergriffen, eine Qualitätskultur im deutschen Bildungswesen einzuführen. Das Ganze natürlich mit dem finalen Ziel, sich zu verbessern. Auch in Luxemburg wurden in den letzten Jahren Infrastrukturen gegründet, wie z.B. das LUCET, und Kompetenzen aufgebaut, um sich fortan konstruktiv mit den Daten auseinanderzusetzen. Vieles basiert dabei auf einem ministeriellen Strategiepapier von 2007: “Die Steuerung des Luxemburger Schulwesens”.

Was hat sich denn im luxemburgischen Schulsystem geändert durch PISA?

Antoine Fischbach: Der Klieme-Expertise zeigte, dass die bei PISA erfolgreicheren Länder größtenteils ein Outcome- oder Ergebnis-orientiertes Bildungswesen haben. Sie befassen sich also sehr explizit damit, was bei der Bildung herauskommen soll und steuern ihr System über diese Zielsetzungen. In vielen europäischen Ländern, auch in Luxemburg, war das Bildungswesen traditionell Input-orientiert. D.h. wir haben genau festgelegt, was zu welcher Zeit wie unterrichtet werden soll. Überspitzt formuliert: Was dabei herauskommen soll, wurde nicht thematisiert. PISA hat diese Überlegungen - also die Überlegungen nach konkreten Bildungszielen, sogenannten Standards, oder Socles - und den damit implizit verbundenen Wechsel von einer Input- zu einer Output-Steuerung im luxemburgischen System in Gang gebracht.

Sonja Ugen: Und es wurde auch klar, dass alle erfolgreichen Länder Monitoring betreiben, also ständig die Qualität überprüfen und gegebenenfalls Verbesserungen vornehmen. Mit der Gründung des LUCET im Jahr 2014 an der Uni Luxemburg  haben wir nun auch ein Institut, das mit den « Épreuves Standardisés » kurz « ÉpStan » regelmäßig Monitoring betreibt und somit überprüft, ob die Zielsetzungen auch tatsächlich erreicht werden.

Ist dieser Wandel ihrer Meinung nach gut verlaufen?

Sonja Ugen: Den Ansatz kompetenzorientiert zu arbeiten finden wir aus Forschersicht richtig. Es mag durchaus sein, dass es bei der Umsetzung von der Theorie in die Praxis Probleme gab.

Was ist denn ihrer Meinung nach der große Mehrwert von PISA?

Antoine Fischbach: Es gibt ein bekanntes Zitat von W. Edwards Deming : « Without data you are just another person with an opinion ». Wir glauben dass der große Mehrwert von PISA vor allem darin besteht, dass wir nun Daten haben, auf die wir uns stützen können. In vielen Bereichen ist das sogenannte “Evidence based decision making” ganz normal. Man würde keinem Bänker oder Arzt vertrauen, der sich nur auf sein Bauchgefühl stützt. Aber im Bildungswesen wird oft behauptet, man könne nichts messen. Das stimmt aber so nicht.

Sonja Ugen: Über das nationale Bildungsmonitoring hinaus, erlaubt die PISA Studie Vergleiche mit anderen Bildungssystemen und ermöglicht somit einen Blick auf das luxemburger Bildungssystem aus der internationalen Perspektive. PISA ist eine Studie die keinesfalls perfekt ist, aber dennoch international den state of the art darstellt und der Bildungspolitik Daten liefert, um konstruktiv über die Stärken und Schwächen des luxemburgischen Bildungssystems zu debattieren.

Autor: Jean-Paul Bertemes (FNR)
Foto © LUCET

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