Körperwahrnehmung und Essverhalten – Annika Lutz im Gespräch

02.01.17

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Wieso entwickeln sich Essstörungen? Und wie erforscht man diese? Die Psychologin Annika Lutz über die aktuelle Erforschung eines weitverbreiteten Problems.

Frau Lutz, in Ihrer Doktorarbeit haben Sie Magersucht bei jungen Frauen erforscht. Was haben Sie herausgefunden?

Bei diesen Frauen tritt eine starke Verzerrung in der Wahrnehmung des eigenen Körperbildes auf; selbst nach einem starken Gewichtsverlust fühlen sie sich noch zu dick. Ich habe beispielsweise eine Studie durchgeführt, bei der ich die Gehirnwellen der Studienteilnehmerinnen gemessen habe, wenn sie ein Foto von sich selbst betrachteten – bereits 160 Millisekunden nachdem sie das Bild betrachtet hatten zeigten sich deutliche Unterschiede gegenüber gesunden Personen. Dieser kurze Zeitraum ist eine Spanne, in der das Gehirn ganz basale Dinge des Bildes analysiert, etwa Kontrast und Helligkeit. Die Betrachtung des eigenen Körpers ist bei Personen mit Magersucht grundlegend verändert.

Wie kommt es zu einer solchen Störung? Gibt es Risikofaktoren?

Es gibt viele Faktoren, die eine Rolle spielen: genetischer Einfluss, kindliche Ess- und Verdauungsprobleme, aber auch Persönlichkeitsmerkmale, beispielsweise Perfektionismus. Am Ende ist es ein sehr komplexes Muster von Risikofaktoren, das in den einzelnen Fällen vorliegt und sich sehr stark unterscheidet.

Welche Rolle spielt die Gesellschaft? Gibt es heutzutage mehr Essstörungen als früher?

Neben den genannten Risikofaktoren spielen das Schlankheitsideal und die gesellschaftlichen Schönheitsvorstellungen eine Rolle. Prinzipiell gehen wir davon aus, dass Essstörungen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts häufiger geworden sind. Grundsätzlich ist es aber sehr schwierig, zuverlässige Daten zur Entwicklung der Störung zu bekommen, unter anderem, weil die Diagnosekriterien noch nicht so lange existieren und weil nicht alle Personen, die eine Essstörung haben, sich behandeln lassen.

Wo fängt eine Essstörung an?

Sobald Sie merken, dass es einen großen Einfluss auf Ihre Stimmung hat. Betroffene ziehen sich von anderen Menschen zurück, verlieren andere Interessen und fangen an, ihren ganzen Tagesablauf um das Essen und die Kompensation herum zu strukturieren. Natürlich haben wir auch offizielle Kriterien, die im »Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen« festgehalten sind. Dieser Katalog umfasst auch die Bulimie und die Störung mit Essanfällen.

Forschen Sie auch hieran?

Zur Bulimie beginnen wir gerade mit einer spannenden neuen Studie: wir wollen herausfinden, welche Auswirkungen negative Emotionen auf das Essverhalten haben. In der Studie werden wir wieder Gehirnwellen messen und untersuchen, wie Nahrungsmittel in bestimmten Stimmungslagen wahrgenommen werden.

Wann fangen Sie mit den Experimenten an?

Im Moment suchen wir weibliche Teilnehmerinnen über 18 Jahren: gesunde Teilnehmerinnen als Kontrollgruppe und Frauen mit Bulimie. Die Studie wird sehr interessant, denn durch die Messungen der Gehirnwellen können wir uns wieder Prozesse anschauen, die dem bewussten Nachdenken nicht zugänglich sind. Interessierte Personen können sich schon jetzt gerne bei uns melden.

Kontakt für Studienteilnehmer: Annika Lutz, Tel.: (+352) 46 66 44 9682, annika.lutz@uni.lu

Autor: Tim Haarmann
Foto: Annika Lutz

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Infobox

Kurzbiographie

Annika Lutz hat in Würzburg Psychologie studiert und 2015 an der Universität Luxemburg dank einem AFR-PhD Stipendium des Fonds National de la Recherche (FNR) zum Thema „Körperwahrnehmung bei Anorexia nervosa“ promoviert. Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Selbstregulation von Essverhalten und psychophysiologische Forschungsmethoden. Hier der Link zu der Internetseite der Uni Luxemburg. 

 


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