Multikulturelle Gesellschaft: Luxemburger finden Multikulti prinzipiell gut - oder doch nicht?

21.09.17

University of LuxembourgDiesen Artikel drucken

Multikulturelle Gesellschaft? Luxemburger finden Multikulti überwiegend gut – zumindest prinzipiell. In der Praxis hat jedoch so mancher seine Vorbehalte, wie Elke Murdock von der uni.lu ermittelt hat.

Sie erklärt, dass sich Luxemburg mit seinem Ausländeranteil von fast 47% als perfekte Fallstudie anbietet, um das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft unter die Lupe zu nehmen, insbesondere eben auch die Auswirkungen auf die einheimische Bevölkerung, die sich teilweise in der Minderheit befindet. Andere Länder können dann von Erkenntnissen, die hier in Luxemburg gewonnen werden, lernen.

Multikulti – Ja, aber…

Für Elke Murdock stellt die Beurteilung der weltoffenen Gesellschaft durch Einheimische ein klassischer Fall von „im Prinzip schon, aber ...“ dar, was im Englischen elegant mit „principle implementation gap“ beschrieben wird. Zumindest ist das ein Ergebnis ihrer Forschung zu Multikulturalismus in Luxemburg, bei der die Psychologin (siehe Infobox) vor allem auf Umfragen zurückgreift. Im Prinzip wird kulturelle Vielfalt hierzulande als bereichernd empfunden. Jedoch ist auch entscheidend, was man in die  Multikulti-Frage mit einbezieht. Geht es ans „Eingemachte“, dann überwiegt bei dem einen oder anderen doch eher die Skepsis.

Von Nicht-Luxemburger Lehrern oder Polizisten ist nicht jedermann begeistert

Besagtes Eingemachtes betrifft z.B. die üblicherweise von luxemburgischen Staatsbürgern eingeschlagenen Karrierewege. Nicht-Luxemburgische Polizisten oder Lehrer finden viele Einheimische nicht wirklich gut. Elke Murdock: „Wenn es um konkrete Formen des Miteinanders geht, nimmt die Zustimmung zu einer diversen Gesellschaft etwas ab. Während die Idee des Multikulturalismus im Sinne von Horizonterweiterung weitgehend gut geheißen wird, wird bei konkreten Formen des Zusammenlebens  gezögert.“

Sich mehr auf Gemeinsamkeiten konzentrieren

Ein Grund für diese ambivalente Einschätzung ist laut Elke Murdock auch die Betonung von Unterschieden: „Oftmals wird  Vielfalt als Wert an sich gefeiert,  was an sich auch gut ist. Jedoch werden dadurch oftmals Unterschiede hervorgehoben. Aus heutiger Sicht macht es jedoch deutlich mehr Sinn, sich auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren.“ Letzteres könnte auch die Akzeptanz der Ausländer als gleichberechtigte Mitbürger und deren Integration erleichtern. Wichtig in dieser Hinsicht ist auch das Prinzip der Gegenseitigkeit: erfolgreiche Integration beruht auf dem Prinzip Geben und Nehmen – auf beiden Seiten, und mit klaren Vorgaben.

Die Vorstellung über Nationalität beeinflusst die Haltung zu Multikulturalismus

Einen wesentlichen Einfluss auf die Beurteilung der multikulturellen Gesellschaft hat auch die Meinung der jeweiligen Person zur Staatsbürgerschaft, bzw. wie diese erlangt wird. Oftmals ist es Personen gar nicht bewusst, wie sie ihre eigene Vorstellung zu Nationalitäten formen.  Elke Murdock: „Jemand, der glaubt, dass die Nationalität durch die Geburt bestimmt ist und sich im Lauf des Lebens nicht mehr ändern kann, ist eher skeptisch gegenüber Konzepten, die auf Offenheit sowie die dynamische Entwicklung von Mensch und Gesellschaft aufbauen.“

Weltweit werden Gesellschaften offener – und der nationale Diskurs intensiver

Die Begeisterung für die multikulturelle Gesellschaft neu zu erzeugen, Vielfalt als Ressource zu begreifen, ist nach Meinung von Elke Murdock eine zentrale Herausforderung unserer Zeit – und das nicht nur in Luxemburg: „Weltweit internationalisieren sich die Gesellschaften. Wir leben in einer vernetzten, komplexen Welt und beobachten, wie sich in vielen Gesellschaften ein nationaler Diskurs ausbreitet mit diffusem oder verzerrtem Blick in die Vergangenheit. In diesem Spannungsfeld entsteht potentiell eine soziale Kluft.“ Mit Ihren vom FNR finanzierten Studien will die Forscherin mit Praxishintergrund zu Schließung dieser Kluft beitragen. 

Autor: Sven Hauser
Foto © Alain Rischard/Editpress

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Infobox

Diversität als Lebensmodell und Forschungsziel

Diversität ist in jeder Hinsicht das Steckenpferd von Elke Murdock. Nach dem erfolgreichen Ende ihres Studiums war die Psychologin fast 20 Jahre im Finanzsektor aktiv, wo es häufig um Joint Ventures – und damit auch um eine Form von Integration – ging. 2010 entschied sich Elke Murdock dann zur Rückkehr in die akademische Welt. An der uni.lu promovierte sie 2014 mit einer vom FNR unterstützten Arbeit zu „Attitude towards multiculturalism in the Luxembourg context“ – ein Thema, das sie seitdem konsequent weiter bearbeitet.

 


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