Nur ein Viertel der Forscher und Ingenieure in Luxemburg sind Frauen

08.03.18

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Was können wir tun, um die Situation zu verbessern? Das WiSE Women Colloquium 2017 lieferte einige Empfehlungen.  

Dank eines konsequenten politischen Willens und signifikanten staatlichen Investitionen in die öffentliche und private Forschung hat Luxemburg die Gelegenheit, eine steigende Anzahl talentiert Forscher und Ingenieure mit vielseitigen Profilen im Land begrüssen zu dürfen. Leider sind darunter nur ein Viertel Frauen. Damit liegt Luxemburg laut letzten Eurostat-Statistiken von 2016 nicht nur signifikant unter dem EU-Durchschnitt (40%), sondern sogar auf dem letzten Platz in der EU.

Laut den She Figures 2015 der EU ist die Situation besonders schlimm bei sogenannten „Grade A“ Stellen (z.B. Professoren) und im Unternehmensbereich. Hier sind nur 16% bzw. 11% Frauen. 

Die Statistiken spiegeln einen Durchschnitt für Forscher, Wissenschaftler und Ingenieure aus allen Fachbereichen wieder, also neben z.B. Naturwissenschaften und Mathematik auch z.B. Sozial- und Geisteswissenschaften.

Gleichgewicht in klassischen Sekundarschulen? 

In der Sekundarschule sieht die Situation schon etwas ausgeglichener aus, zumindest in den klassischen Sekundarschulen: 2015/16 wählten ungefähr gleichviele Mädchen und Jungen eine Spezialisierung in Wissenschaft und Technologie. Bei näherem Hinblick stellt man allerdings fest, dass Mädchen z.B. eine starke Vorliebe für Biologie und Naturwissenschaften (Section C) gegenüber Mathematik (Section B) haben. In den technischen Sekundarschulen sah es 2015/16 schlechter aus: Mädchen machten nur 13% bzw. 28% in den wissenschaftlichen und technologischen Spezialisierungen im „régime technique“  und „technicien“ aus.

Was sind die Kernprobleme, die für die niedrige Anzahl an Forscherinnen und Ingenieurinnen in Luxemburg verantwortlich sein könnten? Und was könnten wir dagegen tun? Mit diesen Fragen beschäftige sich im Februar 2017 das WiSE Women Colloquium mit rund 100 Teilnehmern aus Forschung und Ingenieurwesen sowie Administration der Forschung und Politik in Luxemburg.

Die wichtigsten Schlussfolgerungen des WiSE Kolloquiums:
  • Wissenschaftler mit Kindern benötigen zusätzliche Flexibilität und Unterstützung, um ihre beruflichen Verpflichtungen mit denen junger Eltern zu kombinieren, sowie Mutterschutz, Elternzeit oder Teilzeitarbeit mit Mobilität.
  • Wissenschaft und Gesellschaft sind immer noch sehr weit voneinander entfernt und müssen näher zusammengebracht werden, um Alle zu inspirieren. Junge Mädchen brauchen weibliche Vorbilder. Sowohl Wissenschaftsvermittler als Wissenschaftler müssen aktiv werden und zukünftige Generationen von Wissenschaftlern auf eine Art und Weise inspirieren, die für alle Geschlechter gleich ist.
  • Luxemburg benötigt einen kulturellen Wechsel in seiner Gesellschaft. Eltern, Lehrer, Arbeitgeber, wir alle müssen unsere Einstellung gegenüber der Rolle beider Geschlechter grundsätzlich ändern, um für Alle ein integratives und gerechtes Arbeitsumfeld zu schaffen. Wir müssen gemeinsam eine Wissensgesellschaft aufbauen, in der Frauen und Mädchen sich in der Wissenschaft wohler fühlen.

Ein kompletter Bericht des Colloquiums inklusive Bemerkungen von Teilnehmern und folgenden 6 Empfehlungen wurde vom Fonds National de la Recherche, Ko-Organisator der Veranstaltung, veröffentlicht:

  • Mehr Flexibilität für Wissenschaftler mit Kindern
  • Geschlechtergleichgewicht bei Elternzeit fördern (gesellschaftübergreifend)
  • Vorbilder entwickeln und unterstützen
  • Früh mit der Sensibilisierung beginnen (im Vorschulalter)
  • Ein gendersensibles Arbeitsumfeld fördern
  • Teamwork fördern und wertschätzen

Weitere Details im Bericht (auf Englisch) der via www.fnr.lu heruntergeladen werden kann.

Drei thematische Diskussionsrunden

Experten und Publikum diskutierten beim Kolloquium konkrete Probleme und Lösungen zu folgenden 3 Themen:

1) Wie können Mutterschutz und Mobilität (im Beruf) kombiniert werden?

Karriere mit Familie verbinden bedeutet für jede Frau eine Herausforderung. Für weibliche Forscher – besonders im akademischen Bereich – überschneidet der Zeitraum, in dem sie normalerweise eine Familie gründen aber oft mit der produktivsten und entscheidendsten Phase ihrer Karriere.

Die Leistungen eines Forschers werden ständig bewertet, sei es um befördert zu werden, bei dem Erwerb von Drittmitteln zur Finanzierung ihrer Forschung, oder bei der Verteilung unbefristeter Stellen.

Ausserdem erfordert der Beruf des Wissenschaftlers oft ein hohes Ausmass an Mobilität. Sei es ein berufliches Auslandsjahr oder die Teilnahme an Konferenzen um sich mit Kollegen auszutauschen - dies ist oft schwierig zu organisieren mit Kindern im Schlepptau und einem Lebenspartner, der ebenfalls eine Vollzeitstelle hat.

2) Wie können wir junge Mädchen für wissenschaftliche Karrieren begeistern?

Allgemein sind Mädchen erfolgreicher in der Schule als Jungs. Trotzdem schneiden in der Mehrheit der OECD Länder unter hochbegabten Schülern Mädchen meistens schlechter in Wissenschaften und Mathematik ab als ihre männlichen Klassenkameraden.

Mädchen haben auch oft weniger Selbstvertrauen als Jungen in ihre Fähigkeiten, mathematische oder wissenschaftliche Probleme zu lösen.

Im PISA Bericht 2012 war Luxemburg unter den Ländern mit den höchsten geschlechterspezifischen Disparitäten in Mathematik und Naturwissenschaften. In den Ländern, die bei PISA am besten abschneiden, sind Mädchen und Jungen in diesen Fächern und ihn ihrer Lesefähigkeit gleich stark. Diese Resultate deuten darauf hin, das Leistungsunterschiede zwischen Geschlechtern nicht durch angeborene Unterschiede betreffend der Fähigkeiten bestimmt werden.

3) Wie können wir ein integratives Arbeitsumfeld für Alle schaffen?

Unser Arbeitsumfeld ist im Wandel: mehr und mehr Frauen sind berufstätig, sei es aus finanzieller Notwendigkeit oder aufgrund purem Interesse für einen Beruf. Trotzdem existieren weiterhin Stereotypen und Frauen müssen oft mehr um ihre Position, Anerkennung und Gleichberechtigung bei der Gehälterzahlung kämpfen als ihre männlichen Kollegen. Insbesondere die akademische Forschung ist ist noch sehr konservativ aufgestellt.

Doch es gibt Hoffnung. In anderen Bereichen, wie z.B. bei Medizinern und Anwälten gibt es bereits positive Veränderungen. Ausserdem haben einige Firmen innovative Konzepte umgesetzt, die sich auf individuelles Talent und Diversität konzentrieren.

Eine Gelegenheit für Luxemburg

Die staatlichen Investitionen in die öffentliche und private Forschung hat sich in Luxemburg in den letzten 15 Jahren verzehnfacht. Ausserdem hat das Land relativ großzügiges Schema für Elternzeit.

Luxemburg befindet sich demnach in einer privilegierten Position, um Vorreiter in der Förderung von Geschlechtergleichheit in der Forschung und im Ingenieurwesen zu werden.

Um dies zu erreichen müssen innovative und zukunftsorientierte Lösungen implementiert werden, die im jungen Alter anfangen, mit einem starken Fokus auf Vorbilder und integrative Bildungsmodelle.

Luxemburg sollte diese Gelegenheit nicht verpassen, eine ausgewogene Wissensgesellschaft zu schaffen, die ALLE verfügbaren Talente einschliesst.

Autor: Michèle Weber (FNR)
Photo © FNR (Bilder: VDL, Universität Luxemburg, Nathalie Valle, FNR, LIST, LISER, Christiane Hilger, IBBL, Max Planck Institute Luxembourg)

 

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Infobox

Das WiSE Women Kolloquium

Das Kolloquium "WiSE - How can we do better?" war das Abschlussevent der "WiSE Women"-Ausstellung, die 2017 in der Cité bibliothèque der Stadt Luxemburg stattfand. Die Ausstellung portraitierte 12 Frauen aus der Forschung und dem Ingenieurwesen in Luxemburg.

Das Kolloquium fand am 13. Februar 2017 im Tramsschapp statt. Organisiert wurden die Ausstellung und das Kolloquium in einer Zusammenarbeit zwischen der Ville de Luxemburg (VDL), der Fondation Jeunes Scientifiques Luxembourg (FJSL) und dem Fonds National de la Recherche (FNR).