Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Beeinflussen wohnortnahe Angebote der Kinderbetreuung die Berufstätigkeit der Mütter?

08.01.18

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Für berufstätige Eltern ist bei der Wahl des Wohnsitzes die räumliche Nähe zu Kindertagesstätten oft auschlaggebend. Doch gilt das auch umgekehrt?

Wer sich ein Haus oder Grundstück kauft, macht sich im Vorfeld in der Regel viele Gedanken. Und das nicht nur über den Preis, den man bereit ist zu zahlen, sondern auch über die Lage, die Entfernung zum Arbeitsplatz und die vorhandene Infrastruktur: Gibt es in der Nähe Geschäfte? Wie sieht es aus mit Freizeitangeboten und ärztlicher Versorgung? Und was ist mit Schulen und Betreuungseinrichtungen für die Kinder?

Letzteres ist gerade für junge oder angehende Eltern wichtig. Denn die Verfügbarkeit einer Kindertagesstätte ermöglicht beiden Elternteilen die Berufstätigkeit. Und je näher diese Einrichtung ist, desto einfacher ist die Vereinbarkeit von Familie und Job. Ein wohnortnahes Angebot an Kinderbetreuung fördert demnach (vor allem) die Berufstätigkeit der Mutter – könnte man meinen. Doch ist das wirklich so?

Kein Einfluss auf die Berufstätigkeit der Mütter erkennbar

Audrey Bousselin, Forscherin des Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER), ist dieser Frage nachgegangen. Die Wissenschaftlerin hat den Zusammenhang im Rahmen einer Studie empirisch untersucht. Luxemburg eigne sich für eine solche Untersuchung besonders gut, weil es über ein umfangreiches Datenmaterial zu allen Lebensbereichen verfüge, sowohl was den Arbeitsmarkt als auch die Haushalte und die Verfügbarkeit der Betreuungseinrichtungen betreffe, erklärt Bousselin.

Das Ergebnis ihrer Arbeit zeigt, dass die räumliche Nähe von Kindertagesstätten keinen erkennbaren Einfluss auf die Beschäftigung der Mütter von 0-3jährigen Kindern und auf die Inanspruchnahme des Angebots hat – was die Forscherin allerdings auch nicht besonders überrascht. „Da die Betreuungsquote und auch das Angebot in Luxemburg ohnehin bereits sehr hoch ist, kann man hierbei keine besonderen Auswirkungen erwarten“, so Bousselin.

Traditionelle Sicht auf die Rolle der Geschlechter

Und sei eine gewisse Distanz erst einmal überschritten, so spiele es im Grunde nur noch eine untergeordnete Rolle, ob das Betreuungsangebot für das Kind nun ein, zwei oder fünf Kilometer vom eigenen Wohnhaus entfernt sei. „Mehr als 90 Prozent der Eltern fahren ihre Kinder mit dem Auto zur Tagesbetreuung“, sagt Bousslin. Ob man jetzt also fünf oder zehn Minuten im Auto sitze, mache da keinen großen Unterschied.

Zudem sei Luxemburg, was Familienpolitik betreffe, sehr konservativ geprägt, erklärt die LISER-Mitarbeiterin. So würden auf der einen Seite das Betreuungsangebot zwar stetig erweitert und die Plätze extrem hoch bezuschusst, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.  Gleichzeitig aber gebe es in Luxemburg eine durchaus traditionell geprägte Sicht auf die Rollenverteilung innerhalb der Familie: der Mann als Ernährer und die Frau als diejenige, die den Haushalt organisiere, so Bousselin. Wenn die Regierung also darauf abziele, mehr Mütter für den Arbeitsmarkt zu gewinnen, so müsse auch an dieser traditionellen Sichtweise gearbeitet werden.

Von wohnortnaher Betreuung profitieren Eltern unterschiedlich

Um die Teilhabe der Mütter auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, sei es deshalb mit der Bereitstellung von Kindertagesstätten in Wohnnähe allein nicht getan. Zwar sei das Angebot in den vergangenen Jahren zwar konsequent ausgebaut worden, erklärt die Soziologin. Doch hätten viele Eltern nach wie vor Probleme damit, ihre Arbeitszeiten mit den Öffnungszeiten der Kindertagesstätten in Einklang zu bringen.

Zudem weist Bousselin in ihrer Arbeit auch darauf hin, dass man zumindest in den öffentlichen Einrichtungen die verfügbaren Betreuungsplätze nach bestimmten Prioritäten verteile. Demnach würden beispielsweise alleinerziehende Eltern, aber auch Familien, in denen beide Elternteile arbeiteten, bevorzugt behandelt. Von einem wohnortnahmen Betreuungsangebot profitierten deshalb vor allem die bereits berufstätigen Mütter, nicht aber zwangsläufig, diejenigen, die nach einer Pause zurück in den Job wollten.

Autor: Uwe Hentschel
Foto:  Audrey Bousselin (© Uwe Hentschel)

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