Wissenschaftskultur fördern

23.07.14

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Welchen Stellenwert hat Wissenschaft in Luxemburg? Zahlreiche Akteure treiben hierzulande die Förderung und Vermittlung der Wissenschaft und Forschung voran. Mit welchem Ziel? Und wie kann dies gelingen?

Der Wissenschaftler mit weißem Bart und zerzaustem Haar, der wirr im weißen Kittel durch sein Labor hüpft, voll mit Gefäßen die blubbern und zischen. Hoch oben in seinem Elfenbeinturm grübelt er über Dinge, die keiner versteht und die auch keiner braucht – die jedoch das Potential haben, die ganze Erde in Gefahr zu bringen.

Dieses Bild ist tief verwurzelt in unseren Köpfen, wenn wir an einen Wissenschaftler oder Forscher denken. Obwohl wir natürlich wissen, dass es wenig mit der Realität zu tun hat und dass Forscher genau so normale Menschen sind wie du und ich.

Ist das Bild vom etwas asozial wirkenden Wissenschaftler gerechtfertigt?

Wissenschaftler haben eine lange akademische Karriere hinter sich und haben sich oftmals in einem bestimmten Gebiet stark spezialisiert. Die wissenschaftlichen Phänomene mit denen sie sich beschäftigen sind oftmals komplex und dem Laien schwer zu vermitteln. Es ist dann nicht so einfach nachzuvollziehen, weshalb die Wissenschaftler sich bestimmte Fragen stellen – und dafür auch noch Geld erhalten. Daher wohl das Bild vom Elfenbeinturm und dem sich von der Gesellschaft fern haltenden Wissenschaftler.

Dazu kommt, dass die Menschen sich der Gefahren bewusst sind, die einige wissenschaftliche Entwicklungen mit sich bringen. Gentechnik oder Nanotechnik etwa können im Sinne einer Gesellschaft eingesetzt werden, sie können aber auch gefährlich werden. Und die Wissenschaftler, die die Hand darüber halten, sind schwer zu kontrollieren – weil kaum jemand im Detail nachvollziehen kann, was sie tun. Das macht mitunter Angst. Daher vielleicht das Bild des leicht Verrückten – einerseits eine Verniedlichung, andererseits eine Dämonisierung, wie der Böse in einem Horror-Film.

Doch es gibt etliche Beispiele die zeigen: Wissenschaft kann durchaus an den Bedürfnissen der Gesellschaft und dem wirtschaftlichen Interesse des Landes ausgerichtet werden. Vielleicht ist die Wissenschaft also doch nicht so weit von uns weg, wie das Bild vom verrückten Professor dies suggeriert?

Forschung mit gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Impakt

In Luxemburg gibt es zahlreiche Forscher, die in Bereichen mit direkter Relevanz für die luxemburgische Gesellschaft arbeiten. So forschen z.B. an der Universität Luxemburg Wissenschaftler an der Entwicklung des Gehirns von mehrsprachigen Kindern, begleiten das Bildungsministerium im Rahmen der Schulreform oder helfen bei der Ausarbeitung der PISA-Studien. Forscher vom CRP Gabriel Lippmann kooperieren mit dem luxemburgischen Wasserwirtschaftsamt und forschen im Bereich der nachhaltigen Ressourcennutzung. Das LCSB und der CRP Santé erforschen Krankheiten wie Krebs, Parkinson oder Alzheimer. Und Forscher vom CEPS/Instead forschen z.B. über den Arbeitsmarkt in der Großregion.

Auch auf wirtschaftlicher Ebene bewegen sich Forschung und Privatakteure immer mehr aufeinander zu. Vor allem das SnT der Universität Luxemburg sticht hervor und kann zahlreiche Kooperationen mit in Luxemburg ansässigen Firmen aufzeigen – wie beispielsweise mit SES, Enovos, der Post oder mit Banken. Dass die Bereiche Finanzen und Recht zu den Forschungsprioritäten in Luxemburg zählen, kommt auch nicht von ungefähr. Genau so wie die CRPs Henri Tudor und Gabriel Lippmann im Bereich Materialwissenschaft stark aufgestellt sind, um der seit Jahrzehnten hier ansässigen Materialindustrie wie z.B. Arcelor Mittal oder Goodyear zur Seite zu stehen.

Die Beispiele zeigen: Wissenschaft und Forschung sind in vielen Fällen weniger weit von der Gesellschaft entfernt als es oftmals empfunden wird. Und diese Nähe zwischen gesellschaftlichen sowie privaten Akteuren und der Wissenschaft ist auch unabdingbar, damit von gelebter Wissenschaftskultur die Rede sein kann. Wenn sich diese Tendenz der Kooperation fortsetzt: Ist es dann nicht an der Zeit, das Bild des Wissenschaftlers in ein anderes Licht zu rücken – den Stellenwert der Wissenschaft und Forschung aufzuwerten? Und wenn ja, wie?

Forschungsresultate und –ziele kommunizieren

Vorerst sollte es zur selbstverständlichen Aufgabe eines Forschers und seiner Institution gehören, seine Ziele und seine Resultate zu kommunizieren. Die Gesellschaft gesteht der Forschung Gelder und eine gewisse Forscherfreiheit zu. Somit ist es ihr Recht zu erfahren, was mit diesen Geldern passiert.

Nun ist es aber nicht immer so einfach, Forschung zu kommunizieren. Zur Natur der Forschung gehört, dass der Wissenschaftler sucht und forscht – und also nicht immer genau weiß, wohin die Forschung führt. Die Bedeutung einiger Forschungsresultate ist außerdem für den Laien nicht immer einfach verständlich – und zeigt sich manchmal auch erst Jahre später. Allgemein gibt es Bereiche, die schwerer zu kommunizieren sind als andere. Und schließlich: Den Forschern fehlt es oftmals an der nötigen Zeit, sich der Kommunikation in vollem Maße zu widmen. Sie werden kaum daran gemessen, wie gut sie ihre Resultate Laien vermitteln, sondern wie viele Publikationen sie in renommierten Fachzeitschriften veröffentlichen, und wie viele Gelder sie in kompetitiven Förderprojekten einwerben.

Um die Wissenschaft der Gesellschaft näher zu bringen, ist es also wichtig, die Forscher dabei zu unterstützen, nach außen zu kommunizieren – und den Impakt ihrer Forschung aufzuzeigen. Der FNR Award des Fonds National de la Recherche z.B. zeichnet Forscher aus, die sich in sogenannten „Public outreach activities“ hervortun. Es bleibt aber noch einiges zu tun, damit sich auch systemimmanent Kommunikation für Forscher lohnt.

Wissenschaft und Technik als Thema in den Medien und der Gesellschaft

Die bisherigen Kommunikationsbemühungen gegenüber der Bevölkerung scheinen erste Früchte zu tragen. In einer Telefonumfrage vom FNR im Jahre 2007 hatten sich 30% der Bevölkerung gut oder ganz gut informiert gefühlt. 2011 waren es 34 % und 2013 36 %. Die Akzeptanz der Forschung in der Bevölkerung ist zudem groß. So waren 2013 66% der Menschen in Luxemburg der Meinung, dass verstärkt in Forschung investiert werden soll. Und dies in Zeiten der Krise und Budget-Engpässen.

Mit daran beteiligt sind sicherlich auch die Medien. Es fällt auf, dass Wissenschaft hier immer mehr zum Thema wird. Mister Science tritt beispielsweise regelmäßig im Fernsehen in der Wissenschaftssendung PISA auf. Zudem haben die Forschungsakteure mit www.science.lu eine Internet-Plattform geschaffen, auf der die Öffentlichkeit über Wissenschaft und Forschung in Luxemburg informiert wird. Aber auch andere Medien greifen immer öfter Wissenschaftsthemen auf.

Ein Grund hierfür: Die Qualität und Quantität der Forschung steigt. Es werden immer mehr Resultate erzielt, die sich auch kommunizieren lassen. Interessant werden Resultate vor allem dann, wenn die Forschung sich an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnissen des Landes orientiert. Wissenschaft wird auch stärker wahrgenommen, wenn die Forscher dabei helfen, gesellschaftliche Diskussionen zu versachlichen. Oder wenn sie Politikern zur Seite stehen, um politische Entscheidungen mit zu begleiten. Indem sie Fakten schaffen, auf die die Politiker sich bei ihrer Entscheidungsfindung basieren können. Für diese Aufgaben brauchen Forscher aber auch Unterstützung, u.a. von Kommunikationsspezialisten und Science Writers.

So gibt es ja auch einige Akteure, wie den FNR oder das Naturhistorische Museum, deren Mission u.a. die Förderung der Wissenschaftskultur ist. Was bedeutet dies? Kultur wird oftmals eher mit Kunst oder Musik verbunden, nicht so mit Wissenschaft. Das Interessante am Begriff Wissenschaftskultur:  Er bringt zwei Dinge zusammen, die oftmals getrennt voneinander gedacht werden. Wenn man Kultur jedoch als alles das auffasst, was der Mensch gestaltend oder geistig schafft, als Ausdruck einer Höherentwicklung, gehört Wissenschaft ganz wohl dazu. Weshalb es dann noch extra betonen? So oder so: Bei der Förderung der Wissenschaftskultur geht es wohl darum, dass Wissenschaft als integraler Bestandteil unserer Kultur aufgefasst und verstanden wird. Ob dies bereits der Fall ist?

Wissenschaft erlebbar gestalten

Gelebte Wissenschaftskultur spielt auf mehreren Ebenen: Neben Kommunikation und Kooperationen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft noch durch direkten Kontakt der Bevölkerung mit Wissenschaften – wie z.B. im Naturhistorischen Museum oder auf Events wie dem Science Festival oder den Researchers Days. Hier wird gestaunt und angefasst, die natürliche Faszination für wissenschaftliche Phänomene angeregt. Oder anders ausgedrückt: Hier wird Wissenschaft erlebbar – für jedermann!

In der selben Optik gibt es auch zahlreiche Organisationen, die Wissenschafts-Aktivitäten oder –Workshops anbieten, wie z.B. die a.s.b.l. Déi kléng Fuerscher, die Fondation Jonk Fuerscher, die Naturwëssenschaftsolympiade, der Concours Génial, und viele mehr. Immer mit dem Ziel, Interesse zu wecken und Berührungsängste abzubauen.

Viele Initiativen setzen bei den Kindern und Jugendlichen an. Weshalb?

Zum Einen aus einem ganz pragmatischen Grund: Forschungsminister Claude Meisch betont, dass immer weniger Studenten sich für naturwissenschaftliche oder Ingenieursstudien interessieren. Doch hier werden Arbeitskräfte gebraucht. Die Investitionen in Innovation und Forschung werden steigen in den nächsten Jahren. Nicht nur in Luxemburg, sondern in ganz Europa – so lautet zumindest das Ziel von Europe 2020. Es gilt also, junge Menschen für das Ingenieurwesen, Technik und Naturwissenschaften zu interessieren.

Hinzu kommt, dass vor allem Kinder eine Phase durchleben, in der sie sich ganz natürlich Fragen über die Funktionsweise der Welt stellen. Es erscheint sinnvoll, sie in dieser Phase zu begleiten, in ihrer Neugierde zu bestärken – und ihnen dabei zu helfen, richtige Antworten zu finden. Wenn sie sich in dieser Phase die Fragen falsch beantworten, ist es später umso schwieriger, falsche Konzepte wieder aus den Köpfen zu kriegen. Festzustellen ist auch, dass das Interesse der Kinder an diesen Themen mit dem Älterwerden oftmals abnimmt. Erwachsene fangen dann plötzlich wieder an, sich für Wissenschaften zu begeistern. Oftmals wegen ihrer Kinder.

Der Schule kommt bei der Vermittlung der Wissenschaften natürlich eine sehr bedeutende Rolle zu. In keinem anderen Rahmen kann Wissenschaft so tiefgründig behandelt werden. Doch es stellen sich einige Fragen. In den letzten Jahren ist in Luxemburg viel in Forschung investiert worden, der Stellenwert von Wissenschaft und Forschung steigt. Spiegelt sich dieser Stellenwert der Wissenschaften auch in der Schule wieder? Fehlt es den Naturwissenschaften/Ingenieuren etwa an einer Lobby?

Weshalb ist die Förderung der Wissenschaftskultur überhaupt wichtig?

So oder so: Um die Vermittlung und Förderung der Wissenschaft voran zu treiben, liegt der Ball zu einem großen Teil bei den Wissenschaftsakteuren selbst. Wenn sie interessante Resultate produzieren und diese angemessen kommunizieren, dann gibt es auch genügend Leute, die daran interessiert sind. Genau so wichtig sind aber auch alle weiteren Initiativen, um die Wissenschaft der Gesellschaft näher zu bringen.

Um Berührungsängste abzubauen und Neugierde zu wecken. Damit die Menschen gut informiert sind darüber, was in Luxemburg im Bereich Forschung läuft und wo ihr Geld investiert wird. Damit sie an den Errungenschaften von Wissenschaft und Forschung teilhaben können. Darüber hinaus aber auch um dazu beizutragen, junge Generationen für Wissenschaften und Technik zu interessieren. Ebenso um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich als mündige Bürger in einer Welt zurechtzufinden, die immer mehr geprägt ist durch Wissenschaft und Technik – zu verstehen und mitreden zu können, wenn es um die zukünftige Ausrichtung der Forschung in Luxemburg geht. Und wer weiß: Vielleicht ist das Bild des verrückten Professors, mit den zerzausten Haaren, der weit ab der Gesellschaft in seinem Elfenbeinturm an irrelevanten Dingen arbeitet, dann bald passé.

Autor: Jean-Paul Bertemes (FNR)

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