Treffen mit 65 Nobelpreisträgern in Lindau: Interview mit Charles de Bourcy

22.09.15

FNR
University of Stanford
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Das Bewusstsein einiger Nobelpreisträger für die Ehrenhaftigkeit ihres Berufs und ihr Wille zur Verbesserung der Welt inspirierten den Luxemburger Doktoranden am meisten.

Charles de Bourcy, Sie hatten im Juli 2015 die Gelegenheit als einer von zwei Teilnehmern aus Luxemburg beim interdisziplinären Lindau Nobel Laureate Meeting teilzunehmen und dort 65 Nobelpreisträger und 650 andere junge Wissenschaftler kennenzulernen. Wie haben Sie diese Erfahrung empfunden?

Es war eine fantastische Woche während der ich neue Freundschaften mit jungen Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Gebieten geknüpft habe und potentielle neue Mitarbeiter aus der ganzen Welt identifizieren konnte – sei es im Vorlesungssaal, beim Abendessen oder auf der heiteren Bootsfahrt zur Insel Mainau. Eine Woche lang lebte und atmete das gesamte Städtchen Wissenschaft. Auβerdem habe ich viel von den persönlichen Gesprächen mit Nobelpreisträgern gelernt. Diese wurden zwar in schwarzen Limousinen durch die Stadt chauffiert, waren aber im Übrigen äußerst zugänglich und sehr am Austausch mit den Studenten und Postdocs interessiert.

Welchen Eindruck machten die Nobelpreisträger auf Sie?

Das Treffen war eine einmalige Gelegenheit, über die wissenschaftlichen Hinterlassenschaften der Nobelpreisträger, die man aus ihren Publikationen kennt, hinauszugehen. Es war interessant, ihre Reaktionen in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Themen zu hören. Die Leidenschaft einiger Preisträger, ihr Bewusstsein für die Ehrenhaftigkeit ihres Berufes und ihr Wille zur Verbesserung der Welt waren wirklich inspirierend. In diesem Sinne endete das Treffen auch mit der Unterzeichnung der Mainau Declaration on Climate Change (ähnlich wie die Mainauer Kundgebung von 1955 gegen die Benutzung von Nuklearwaffen).

Was waren Ihre Höhepunkte des wissenschaftlichen Programms?

Von besonderem Interesse für mich waren die Vorlesungen und Diskussionsrunden des Physikers und früheren US-Energieministers Steven Chu, der Virologin und engagierten HIV/AIDS-Pandemie-Bekämpferin Françoise Barré-Sinoussi, des früheren Immunologen und jetzigen Gehirnforschers Susumu Tonegawa und des begeisterten Volkserziehers zum wissenschaftlichen Denken Harold Kroto. Meisterklassen und Gespräche rund um die Themen Wissenschaftskommunikation und Interdisziplinarität gaben ebenfalls viel her.

Womit beschäftigen Sie sich konkret im Rahmen Ihrer Doktorarbeit in Stanford?

Um sich gegen Fremdkörper wie Bakterien und Viren zu verteidigen, besitzt der menschliche Körper ein äußerst komplexes Immunsystem. Ich beschäftige mich mit dem adaptiven Immunsystem, was sich ständig den Krankheitserregern anpasst, denen es ausgesetzt wird. So kann es lernen, selbst Mikroorganismen zu neutralisieren, denen es vorher noch nie begegnet war. Dank neuartiger DNA-Sequenzierungsverfahren ist es uns möglich, die fortlaufende Evolution der Antikörper-produzierenden Immunzellen zu verfolgen und statistisch zu analysieren. Ich untersuche momentan zwei Probleme: Wie sich die Entwicklung des Immunsystems älterer Menschen nach einer Grippeimpfung von der jüngerer Menschen unterscheidet, und wie die Autoimmunerkrankung systemische Sklerose behandelt werden kann.

Das Treffen in Lindau war interdisziplinär (Chemie, Physik, Medizin) und Sie selbst arbeiten als Physiker an einer biologischen Fragestellung. Können Sie ein Beispiel nennen, sei es aus Lindau oder Ihrer eigenen Erfahrung, wie die Kombination von Disziplinen zu neuen Erkenntnissen geführt hat?

Aus der Wissenschaftsgeschichte geht hervor, dass neue Erkenntnisse oft entstehen, wenn ein altes Problem aus einem neuen Winkel betrachtet wird oder mit neuen Methoden angepackt wird. Vielleicht spiegelt Interdisziplinarität einfach wider, dass die Grenzen zwischen Disziplinen ein wenig künstlich sind und eine wissenschaftliche Frage am besten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln angegangen wird, egal aus welchem Gebiet diese stammen. Ein gutes Beispiel ist die Arbeit von Eric Betzig, Stefan Hell und W.E. Moerner, die allesamt in Lindau mit uns geredet haben. Sie haben 2014 den Chemie-Nobelpreis für die Entwicklung der superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie erhalten. Diese Sammlung von Techniken, die auf physikalisch-chemischen Verfahren zur optischen Kontrolle der Fluoreszenz von Farbstoffmolekülen beruhen, werden jetzt weitläufig zur hochdetaillierten Bildgebung von lebenden Zellen benutzt, was z.B. zu neuen Einsichten in die Prozesse der Signalübertragung in Nervenzellen geführt hat.

Haben Sie in Lindau neue Ideen für Ihr eigenes Projekt bekommen?

Ja, als studierter Physiker mit bisher nicht sehr umfassenden Kenntnissen in der Biologie, erhielt ich interessante Anregungen vor allem durch den Austausch mit Peter C. Doherty. Mit ihm redete ich über das mit meiner Fragestellung verwandte Thema der zytotoxischen T-Zellen. Außerdem hatte ich einen interessanten Austausch mit einer Doktorandin in der B-Zellen-Krebsmedizin, da ich mich mit den gleichen Zellen in Patienten ohne Krebs befasse.

Welches Arbeitsmotto tragen Sie von dem Treffen davon?

Viel arbeiten, die eigene Arbeit mit Begeisterung und Humor angehen – und an Dingen arbeiten, die einem wesentlich erscheinen und von denen man vielleicht, wie Physiologie-Nobelpreisträger Edmond H. Fischer, auch noch mit 95 Jahren vergnügungsvoll erzählen könnte!

Interview: Michèle Weber (FNR)
Photo: Studenten mit Nobelpreisträger Eric Betzig in der Mitte, Charles de Bourcy zweiter von links

 

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Infobox

Lindau Nobel Laureate Meeting

Beim 65. Nobel Laureate Meeting trafen 650 junge Wissenschaftler 65 Nobelpreisträger aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter auch den gebürtigen Luxemburger Jules Hoffmann, der 2011 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin erhielt. Das jährliche Treffen in dem malerischen Lindau wurde in den fünfziger Jahren unter der Schirmherrschaft der Adelsfamilie Bernadotte ins Leben gerufen, mit dem Ziel, die wissenschaftliche Elite und junge hochmotivierte Forscher aus aller Welt zusammenzubringen. Seit 2009 unterstützt der Fonds National de la Recherche (FNR) 1-2 talentierte Nachwuchswissenschaftler aus Luxemburg, um an diesem einzigartigen Treffen teilzunehmen. Im Jahr 2015 waren dies Charles de Bourcy der Stanford University in Kalifornien und Enrico Glaab des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine in Esch-Belval. Bewerbungen für das nächste Lindau Nobel Laureate Meeting (Schwerpunkt: Physik) im Sommer 2016 können bis 22. Oktober beim FNR eingereicht werden. Mehr Informationen zum Lindau Nobel Laureate Meeting hier

Charles de Bourcy


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