Langanhaltender Ostwind hat den Wasserstand der Ostsee auf historisch niedriges Niveau sinken lassen. Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung ist er aktuell so niedrig wie nie seit Beginn der kontinuierlichen Messungen im Jahr 1886.
Wochenlanger Ostwind hat den Wasserstand der Ostsee auf ein historisch niedriges Niveau gedrückt. Am Pegel Landsort-Norra vor der schwedischen Küste sei am Donnerstag der niedrigste Stand seit dem Beginn kontinuierlicher Wasserstandsmessungen im Jahr 1886 verzeichnet worden, teilte das Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde (IOW) am Freitag mit. Innerhalb des rund 140-jährigen Beobachtungszeitraums sei bisher nur in fünf Jahren überhaupt ein ähnlich niedriges Niveau registriert worden.
Nach Angaben des Instituts lag der Pegelstand am Donnerstag etwas mehr als 67 Zentimeter unter dem langjährigen mittleren Wasserstand. Grund ist demnach eine "außergewöhnlich langanhaltende Ostwindlage", die seit Anfang Januar gigantische Mengen Wasser durch die Meerengen am Ausgang der Ostsee in Richtung Nordsee drückt. Nach dessen Berechnungen fehlen der Ostsee dadurch verglichen mit dem langjährigen Mittel aktuell rund 275 Kubikkilometer Wasser - das entspricht etwa 275 Billionen Litern.
Wissenschaftler beobachten die Situation laut IOW gespannt, weil sie die Chancen auf einen historischen ungewöhnlich massiven Einstrom von Salzwasser aus der Nordsee birgt, sobald sich die Wetterlage wieder ändert. Salz- und sauerstoffreiches Nordseewasser würde dann in die tiefen Becken der zentralen Ostsee fließen, was große Auswirkungen auf die ökologischen Bedingungen dort hat. Nach Angaben der Wissenschaftler herrscht in den Tiefen der Ostsee oft über Jahrzehnte Sauerstoffmangel.
Sollten mitten im Winter riesige Wassermengen aus der Nordsee durch die Meerengen zwischen Dänemark, Deutschland und Schweden zurück in die Ostsee fluten, wären diese demnach aufgrund ihrer niedrigen Temperatur überdurchschnittlich sauerstoffreich und kalt. Es sei sogar möglich, dass ein Einstrom ausreichender Intensität eine seit rund 20 Jahren anhaltende Phase erhöhter Tiefenwassertemperaturen in der Ostsee beende.
Die Folgen für das Leben in den tieferen Bereichen des Meeres könnten gravierend sein. Laut IOW sorgen die hohen Temperaturen derzeit dafür, dass Mikroben dort besonders aktiv sind und beim Abbau organischen Materials viel Sauerstoff verbrauchen. Aufgrund von Sauerstoffmangel sind die tiefere Wasserschichten dann etwa für Fische unbewohnbar.
Das IOW sprach von einem möglicherweise bevorstehenden "Großereignis", wie es sich zuletzt vor mehr als 40 Jahren im März 1980 ereignete habe. Die Experten bereiteten sich demnach auf umfangreiche Messungen des Salzwassereinbruchs vor. Auch das institutseigene Forschungsschiff "Elisabeth Mann Borgese" sollte deshalb verstärkt unterwegs sein.