Emmanuel Claude
Was ist Braille und worum geht es in dieser Challenge?
Die Braille-Schrift wurde 1824 vom französischen Blinden Louis Braille erfunden und ermöglicht blinden Menschen das Lesen und Schreiben durch ertastbare Punkte. Sie basiert auf einem System aus sechs bis acht Punkten (in 2 Spalten), das er aus einer militärischen Geheimschrift weiterentwickelte. Dies ergibt ein hochpräzises System aus 28 = 256 möglichen Punktkombinationen.
Bei der Braille Challenge tauchen die Kandidaten in die Welt des taktilen Lesens ein. Zwei Personen treten gegeneinander an und müssen ein identisches Rätsel lösen, das in Brailleschrift verborgen ist. Dafür stecken sie ihre Hände in eine geschlossene, schwarze Box und ertasten die Holzstäbchen, die den Text in Braille bilden. Erst wenn sie den Code richtig dekodiert haben, können sie das Rätsel lösen.
Die Challenge verlangt höchste Konzentration, präzise Fingerfertigkeit und ein gutes Gefühl für Muster. Wer die Botschaft am schnellsten richtig liest und die Antwort auf das Rätsel in Braille schreibt, gewinnt.
Du willst die Challenge nachmachen?
Hier ist eine Mini-Challenge zum Selbsttesten: „Finde das geheime Wort“.
Kannst das Wort mit Hilfe der Tabelle auf dem Foto (oder mit dem PDF "Braille Alphabet") entziffern?
Wenn du es schwieriger haben willst kannst du dir folgendes Bild ausdrucken (das PDF "secret word inverted") :
Dies ist dasselbe Wort nur spiegelverkehrt. Lege das Papier auf eine Unterlage die leicht nachgibt (z.B. Papierstapel) Jetzt kannst du mit einem Kulli mit harter Spitze alle Punkte ins Papier eindrücken. Wende das Papier und versuche die dellen im Papier mit Hilfe der Fingerspitzen zu ertasten.
Verdammt schwierig, oder?
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Das Wort in Braille lautet „senses“.
Wieso ist es für sehende Menschen so schwer, Braille zu lesen?
Warum funktioniert Braille?
Der Prozess des Braille-Lesens stützt sich auf die Sensibilität der Fingerspitzen, um Punktmuster zu erkennen. Unsere Fingerspitzen gehören zu den empfindlichsten Bereichen des Körpers. Sie besitzen eine extrem hohe Dichte an Tastrezeptoren. Diese können feinste Oberflächenstrukturen unterscheiden. Diese Sensibilität ermöglicht das Erkennen minimaler Unterschiede – die Grundvoraussetzung für taktiles Lesen.
Wie schnell ist Braille?
Geübte Braille-Leser erreichen rund 100–120 Wörter pro Minute. Zum Vergleich: visuelles Lesen liegt bei 200–300 Wörtern pro Minute.
Was passiert im Gehirn?
Bei Menschen, die blind sind oder früh das Sehen verloren haben, passt sich das Gehirn an. Der visuelle Cortex übernimmt die Aufgabe der Tasterkennung. Das eigentlich fürs Sehen zuständige Gehirnareal verarbeitet dann taktilen Input. Das ist ein eindrucksvolles Beispiel für Neuroplastizität, sprich, die Fähigkeit des Gehirns, sich umzustrukturieren und neue Funktionen zu übernehmen.
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Ein klassisches Phänomen aus der Sinnesphysiologie ist die Zwei-Punkt-Diskrimination (auch Zweipunktschwelle). Diese kann man durch den Zweipunktdiskriminationstest, für den man einen Zirkel oder zwei spitze Gegenstände verwendet, einfach verdeutlichen: Wenn man zwei Zirkel-Spitzen gleichzeitig auf die Haut setzt, kann man je nach Körperstelle zwei getrennte Berührungen wahrnehmen oder sie als eine einzige Berührung empfinden. Der kleinste Abstand, bei dem man die zwei Punkte noch als getrennt erkennt, heißt Zweipunktschwelle.
Die Dichte der Tastrezeptoren an den Handflächen und Fingerspitzen ist sehr hoch; es gibt sehr viele Mechanorezeptoren. So werden zwei Punkte selbst bei sehr geringem Abstand als getrennt erkannt. Am Rücken, an den Oberschenkeln oder an den Oberarmen jedoch gibt es deutlich weniger Rezeptoren. Zwei Punkte werden an diesen Stellen oft als ein Punkt wahrgenommen, selbst wenn sie weiter auseinander liegen. Was bedeutet dies konkret? Für Zungenspitze, Fingerkuppen und Lippen ist die Zweipunktschwelle (entspricht dem Abstand der Zirkelspitzen) am geringsten (1-3 mm), am größten ist sie am Rücken sowie an den Oberschenkeln und Oberarmen (50-100 mm). Ist die Zweipunktschwelle abnorm erhöht, liegt eine Sensibilitätsstörung vor.
Zudem gibt es je nach Körperregion Unterschiede in der Verarbeitung im Gehirn (genauer gesagt, im somatosensorischen Kortex): Körperteile wie Hände und Lippen nehmen im Gehirn überproportional viel Platz ein. Der Rücken hat dort vergleichsweise wenig „Rechenkapazität“.
Fazit: Der Zweipunktdiskriminationstest demonstriert sehr anschaulich, dass unser Tastsinn je nach Körperregion unterschiedlich fein aufgelöst ist.
- Nach einem Schlaganfall können Patienten durch Training verlorene Fähigkeiten zurückgewinnen. Unversehrte Gehirnregionen übernehmen Funktionen der geschädigten Bereiche.
- Menschen, die ein Körperteil verloren haben, können weiter Schmerzen in der fehlenden Extremität spüren. Durch Therapien wie den Spiegelkasten kann das Gehirn jedoch umlernen.
- Londoner Taxifahrer, die die berühmte „The Knowledge“-Prüfung bestehen, zeigen im Hippocampus (dem Zentrum für räumliches Gedächtnis) nachweislich dichtere neuronale Strukturen.
- Geigenspieler entwickeln in der Gehirnregion, die die linke Hand steuert, eine größere Repräsentation. Durch jahrelanges Training werden Fingerbewegungen feiner, schneller und präziser: das Gehirn bildet neue Synapsen.
Wenn du dir ansehen möchtest, welches Braille-Rätsel die Kandidaten in der Show hatten, dann schaue dir die Folge an:
Ein paar Eindrücke aus der ersten Studio-Folge
Autorin: Diane Bertel
Editorin: Lucie Zeches (FNR) & Joseph Rodesch (FNR)
Fotos: Emmanuel Claude