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Kerzen auf einem Friedhof zu Allerheiligen

An Allerheiligen gehen viele Menschen auf den Friedhof und denken an ihre Verstorbenen. Ein Moment, der uns mit einem Thema konfrontiert, das wir im Alltag oft meiden: den Tod. Obwohl er zum Leben gehört, verdrängen wir ihn lieber, als ihn bewusst zu durchdenken.

In diesem Artikel gehen wir auf den Prozess des Sterbens ein. Wenn wir nicht von plötzlichen Ereignissen wie etwa Herzschlag, akutem Herzinfarkt oder tödlichen Unfällen sprechen, ist Sterben nämlich kein einzelner Moment, sondern ein allmählicher Übergang vom Leben zum Tod. Sterben kann Minuten, Stunden, Tage oder Wochen dauern. Was passiert während dieses Prozesses mit dem Körper – und was danach?

Wer das Sterben als Prozess versteht, kann viele Beobachtungen einordnen: die Veränderungen von Atmung und Kreislauf, das Nachlassen der Wahrnehmung, die typischen Zeichen nach dem Tod. Dadurch wird Sterben verständlicher und kann einen Teil seines Schreckens verlieren. Zugleich bleibt auch Raum für Trauer, Trost und religiöse Deutung: Die Wissenschaft hat keine Beweise dafür, dass es eine Seele gibt. Sie erklärt ausschließlich biologische Mechanismen. Damit ersetzt sie aber nicht den Sinn, den Menschen ihrem Abschied geben (Leisman 2025).

Was also passiert mit uns beim Sterben und danach?

Sterben – der Prozess des Lebensendes

Sterben gehört zum Leben wie Zeugung und Geburt. Wir beschreiben hier den Prozess des Sterbens bei einem altersschwachen Menschen.

Stoffwechsel: Energiekrise beim Sterben

Wenn ein Mensch stirbt, rutscht sein Körper in eine Energiekrise. Kreislauf und Atmung liefern weniger Sauerstoff. Die Körperzellen können deshalb ihre Energie nicht mehr in ausreichendem Maß erzeugen und bereitstellen. Sie schalten in einen Notbetrieb, häufen schädliche Zwischenprodukte an und aktivieren geregelte Zelltod-Programme. Gleichzeitig kippen wichtige Parameter des Stoffwechsels: Das Säure-Basen-Gleichgewicht verschiebt sich, Salz- und Flüssigkeitshaushalt werden instabil und die Temperaturregulation bricht ein. Der Körper versucht, mit Stresshormonen gegenzusteuern – das treibt den Energieverbrauch jedoch noch weiter hoch. So entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der die Energiekrise immer weiter verschärft, immer mehr Körperfunktionen beeinträchtigt und diese schließlich zerstört. Das erklärt viele sichtbare Kennzeichen des Sterbeprozesses, die wir hier beschreiben und erklären.

Allmählicher Rückzug

Wer schon einmal einen Menschen in seinen letzten Tagen und Stunden begleitet hat, weiß: Es wirkt, als ziehe sich der Sterbende zurück: Er schläft tiefer und länger, ist seltener wach und wirkt weniger aufmerksam. Gespräche versiegen, der Blick geht ins Leere.

Woran liegt das? Auf die Energiekrise des sterbenden Körpers reagiert das Gehirn, indem es Energie spart  und Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit reduziert. Da der Körper versucht, Puls und Blutdruck wieder nach oben zu bringen, verbraucht er zusätzliche Energie. Das Energiedefizit wächst, und das Gehirn drosselt weiter seine Aktivität: Der Sterbende zieht sich immer mehr von der Welt zurück (Leisman 2025; Noble 2024).

Unregelmäßige Atmung

Sterbende atmen unregelmäßiger als vitale Menschen. Die Pausen zwischen den Atemzügen werden immer länger. Manchmal wirken diese sehr flach, dann atmet der Sterbende wieder tiefer durch. Gegen Ende hören Angehörige oft gurgelnde oder raschelnde Geräusche beim Ein- und Ausatmen.

Da sie an Energiemangel leiden, ermüden die Atemmuskeln. Der Hirnstamm kann die Atmung zunehmend schlechter steuern. Auch die Husten- und Schluckreflexe werden schwächer. Deshalb sammeln sich Speichel und Schleim aus den Atemwegen im Rachenraum und erzeugen die gurgelnden, raschelnden Geräusche. Eine Weile versucht der Körper noch, die Atmung aufrechtzuerhalten; doch schließlich bricht die Atemkoordination weg. Atmung und Kreislauf setzen dann ganz aus (Leisman 2025; Noble 2024).

Kein Hunger, kein Durst

Menschen am Ende ihres Lebens nehmen oft nur noch wenige Bissen zu sich, lehnen es ab zu trinken, und verschlucken sich öfter. Das beunruhigt Angehörige, denn Essen und Trinken stehen für Fürsorge.

Doch da der Körper Energie spart, schaltet er nicht lebenswichtige Funktionen zurück. Dazu gehört die Verdauung: Der Magen entleert sich verzögert in den Darm, weil dieser langsamer arbeitet. Die Nahrung liegt dann „schwer“ im Magen; der Sterbende hat keinen Appetit, verspürt unter Umständen sogar Übelkeit.

Weil die Steuerung aus dem Hirnstamm nachlässt und der Schluckreflex schwächer wird, fallen Essen und Trinken immer schwerer. Appetit und Durst lassen also nicht nach, weil der Sterbende "nicht mehr will", sondern weil der Organismus seine schwindenden Reserven auf Herz, Atmung und Gehirn konzentriert. (Leisman 2025; Noble 2024).

Was hilft in den letzten Lebenstagen?

 

Absprechen und Betreuung anpassen
Dem Sterbenden hilft es, wenn das Betreuer-Team und Angehörige täglich kurz klären, was wichtig ist. Es ist gut, Wünsche zu kennen und Maßnahmen daran auszurichten.

 

Ruhe und Orientierung
Eine ruhige Umgebung tut dem Sterbenden gut. Vertraute Stimmen, kurze Sätze und Nähe geben ihm Sicherheit.

 

Atmung erleichtern
Oft hilft es, den Oberkörper höher zu lagern oder seitlich zu betten. Ein kühler Luftzug kann entlasten. Bei starker Luftnot kann ein Arzt niedrig dosierte Schmerz- oder Beruhigungsmittel einsetzen.

 

„Rasselatmung“ (gurgelnde Geräusche)
Häufig lindern Lagewechsel und sorgfältige Mund-/Rachenpflege die Geräusche. Wenn das nicht reicht, kann ein Medikament, das Speichel und Schleim reduziert, sinnvoll sein.

 

Essen und Trinken
Sterbende sollte man nicht zu Essen und Trinken drängen. Kleine Schlucke, Eisstücke oder befeuchtete Schwämmchen erfrischen. Lippen und Mund zu befeuchten hilft mehr als große Mengen Flüssigkeit. Infusionen sind nur dann hilfreich, wenn sie spürbare Vorteile bringen.

 

Schmerz
Bequeme Lagerung, Berührung und ruhige Ansprache senken Anspannung. Je nach Bedarf können Ärzte auch Medikamente verabreichen.

 

Unruhe und Angst
Manchmal beruhigen den Sterbenden weniger Reize, gedämpftes Licht und Orientierungshilfen. Wenn eine volle Blase, Verstopfung, Fieber oder Schmerzen die Auslöser für Unruhe oder Angst sind, bessert sich der Zustand des Patienten oft deutlich nach einer passenden medizinischen Behandlung.

 

Kalte Hände und Füße, offener Mund, offene Lider
Diese Zeichen zeigen, dass der Körper Kraft spart. Eine Decke wärmt die Hände, feuchte Tücher pflegen Lippen und Mund, Augentropfen befeuchten die Augen. Ein weiches Tuch unter dem Kinn stützt gelegentlich den Kiefer.

 

Vorausdenken
In vielen Situationen hilft es, wichtige Medikamente z.B. gegen Schmerz, Luftnot, Übelkeit, Unruhe oder Sekretgeräusche griffbereit zu haben. Das medizinische Personal muss regelmäßig prüfen, ob Dosis und Wirkung passen.

 

Für Angehörige
Pausen, Essen, Trinken und Schlaf geben ihnen Kraft. Es ist gut, Sorgen früh anzusprechen und Hilfe anzunehmen. Stimmungsschwankungen kommen vor und sollten thematisiert werden.

 

Quelle: https://www.nice.org.uk/guidance/ng31

Blässe und erschlaffende Muskulatur

Ein Mensch im Sterben wird blasser, die Haut kühlt ab. Seine Muskeln erschlaffen und oft bleibt der Mund offen stehen. Sein Gesicht wirkt schmaler, die Wangen fallen ein. Der Grund: Der Kreislauf wird schwächer. Dann gelangt dann weniger warmes, sauerstoffreiches Blut an die Haut – sie wird blass und kühl. Mit dem Energiemangel sinkt auch die Spannkraft der Muskulatur: Die Kaumuskeln halten den Unterkiefer nicht mehr dauerhaft oben. In Rückenlage zieht die Schwerkraft ihn zusätzlich nach unten (Leisman 2025; Noble 2024).

Kalte Hände und Füße und das charakteristische Sterbegesicht

Der schwächere Kreislauf macht sich früh an Händen und Füßen bemerkbar: Sie werden kalt, die Haut an Fingern und Zehen wirkt blass bis leicht bläulich. Der Körper priorisiert jetzt Herz, Lunge und Gehirn; die „Randgebiete“ werden schlechter durchblutet und kühlen ab. Auch die Augen zeigen den Rückzug an: Sie wirken trockener, der Lidschlag wird seltener, und die Lider bleiben teils halboffen. Ursachen sind – wie beim offen stehenden Mund – eine geringere Muskelspannkraft und schwächere Schutzreflexe.

Da der Sterbende kaum noch Durst verspürt, bekommt der Körper nicht mehr ausreichend Flüssigkeit nachgeführt. Das Gewebe wirkt weniger prall, die Wangen sinken ein, die Augen liegen scheinbar tiefer. Insgesamt wirkt das Gesicht kantiger. Man spricht vom „Sterbegesicht“ (Leisman 2025; Noble 2024).

Orientierung und Reaktion lassen nach

Nach und nach wird der Sterbende weniger ansprechbar: Er döst häufiger ein, reagiert langsamer, beantwortet Fragen nur noch mit kurzen Worten oder gar nicht mehr. Manchmal öffnet er die Augen ohne erkennbaren Blickkontakt oder schaut „durch einen hindurch“.

Die nachlassende Reaktionsfähigkeit erklärt sich durch Sauerstoffmangel und die Energieknappheit im Gehirn. Hirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Sprache und Erinnerung zuständig sind, arbeiten immer unzuverlässiger. In der Energiekrise sinkt die Hirnaktivität immer weiter ab, und der Sterbende kann immer weniger Reize verarbeiten und einordnen. Deshalb fällt es ihm schwerer, sich zu orientieren und zu reagieren; schließlich verstummt er und kann kaum noch gezielte Bewegungen machen (Leisman 2025; Noble 2024).

Gehirn und Bewusstsein am Lebensende

Das Gehirn reagiert sehr empfindlich auf die Energiekrise im sterbenden Körper. Zuerst stockt die Kommunikation zwischen Nervenzellen; in der Endphase, wenn Atmung und Kreislauf versagen, fahren die Netzwerke im Gehirn ihre elektrische und chemische Aktivität rasch herunter. Netzwerke sind Verbünde mehrerer Hirnregionen, die über Nervenbahnen verbunden sind und gleichzeitig zusammenarbeiten – wie Mitglieder in einem Orchester, die im gleichen Takt spielen. Solche Netzwerke steuern Aufmerksamkeit, Erinnerung oder auch das Ich-Gefühl.

Nach dem Kreislaufstillstand kann das Gehirn für Sekunden bis wenige Minuten noch geordnete Aktivitätsmuster zeigen; mit dem weiter sinkenden Sauerstoffangebot bricht die Netzwerkarbeit dann endgültig zusammen. Entsprechend erlischt Bewusstsein nicht schlagartig, sondern allmählich.

Wenn die Steuerung lebenswichtiger Reflexe im Hirnstamm ausfällt – darunter die eigenständige Atmung –, ist eine Rückkehr in einen wachen Zustand biologisch nicht mehr zu erwarten. Mit sinkender Hirnaktivität schwinden auch Reizverarbeitung und Schmerzempfinden; bewusst erlebter Schmerz dürfte am Ende des Sterbeprozesses nachlassen und erlöschen (Leisman 2025).

Die anderen Organe – was gleichzeitig im Körper abläuft

Beim Sterben verlieren die Organe gemeinsam an Stabilität: Herz und Kreislauf brechen ein; Atmung und Hirnstamm-Reflexe erschöpfen sich; Leber, Nieren und Darm können Stoffwechsel, Flüssigkeit und Salze immer schlechter ausbalancieren; auch die wichtige Kommunikation zwischen Darm und Gehirn über Nerven und Hormone gerät aus dem Takt. Diese Effekte im Zusammenspiel verstärken die Energiekrise. Und je stärker der Mangel, desto weniger stabilisieren sich die Organe gegenseitig. Schließlich kommt der Prozess des Sterbens an sein Ende und der Mensch ist tot.

Aber wann ist das eigentlich genau der Fall?

Wann gilt ein Mensch als tot?

Heute gilt ein Mensch als tot, wenn alle Funktionen des gesamten Gehirns dauerhaft ausgefallen sind – inklusive des Hirnstamms, der für Atmung und Schutzreflexe zuständig ist. Diese Definition nennt die Medizin „Hirntod“ oder „brain death/death by neurologic criteria“ (BD/DNC). Sie hat sich durchgesetzt, weil ein Herzstillstand nicht automatisch endgültig ist: Mit Reanimation lassen sich Kreislauf und Atmung manchmal wieder herstellen.

Der Hirntod jedoch soll genau den Punkt markieren, an dem eine Rückkehr in einen wachen, bewussten Zustand biologisch nicht mehr möglich ist (Greer 2023).

Nicht hirntot! Vorübergehende Störungen der Lebensfunktionen

Wenn Ärzte einen Menschen für tot erklären sollen, prüfen sie zuerst, ob ein tiefes Koma vorliegt, warum es besteht und ob die Ursache nicht mehr rückgängig zu machen ist. Starke Unterkühlung, Vergiftungen oder schwere Stoffwechselentgleisungen können ein tiefes Koma verursachen und Hirnfunktionen vorübergehend stark dämpfen. In diesem Fall darf niemand den Hirntod feststellen, denn im Koma kann das Gehirn noch Funktionen wie die Hirnstammreflexe haben.

In diesem Fall gilt: Der Mensch muss zunächst aufgewärmt, entgiftet oder sein Stoffwechsel stabilisiert werden. Erst wenn die Ärzte vorübergehende Störungen der Lebensfunktionen ausgeschlossen haben, prüfen sie die Hirnfunktionen (Greer 2023). Das gilt allerdings nicht bei einem offensichtlichen Tod zum Beispiel durch schwere Verletzungen bei einem Unfall. Dann stellen Ärzte den Tod nach Herz- und Atemstillstand fest; eine Hirntod-Prüfung ist in diesem Fall nicht vorgesehen.

Wie Ärzte den Hirntod feststellen

Um den Hirntod festzustellen, prüfen die Ärzte, ob Bewusstsein und Hirnstammfunktionen vollständig erloschen sind. Das erkennen sie daran, dass der Patient nicht mehr auf Ansprache oder Schmerzreize reagiert und Hirnstammreflexe fehlen: Die Pupillen verengen sich nicht bei Licht, der Lidschluss bleibt aus, die Augen bewegen sich weder beim Kopfdrehen noch bei Reizung des Innenohrs, und Schutzreflexe wie Würgereflex und Husten lassen sich nicht mehr auslösen.

Danach testen Mediziner die Spontanatmung: Beim sogenannten Apnoe-Test passen sie – unter strenger Überwachung – die Beatmung so an, dass der Kohlendioxidgehalt im Blut ansteigt. Normalerweise löst das einen starken Atemreiz aus. Bleibt dieser aus, gilt die eigenständige Atmung als erloschen. All diese Schritte sind standardisiert, und die Kriterien müssen in Kombination erfüllt sein, bevor Ärzte den Menschen für tot erklären dürfen (Greer 2023).

Besonders strenge Regeln in Luxemburg

In bestimmten Situationen – etwa wenn Restzweifel bestehen – kommen zusätzliche Verfahren hinzu. Eine Hirnstrommessung (EEG) kann zeigen, dass keine elektrische Aktivität der Hirnrinde mehr messbar ist. Bildgebende Verfahren oder Durchblutungsmessungen zeigen, ob das Gehirn noch mit Blut versorgt wird. Fehlender Blutfluss ist ein starker Hinweis auf irreversiblen Funktionsverlust. Für absolute Sicherheit führen zwei Ärzte die Untersuchungen unabhängig voneinander durch. Details (Abstände oder Dokumentation) variieren je nach Rechtsraum. Das Grundprinzip ist aber international ähnlich (Greer 2023). In Luxemburg gelten übrigens besonders strenge Regeln: Hier ist zwingend vorgeschrieben, dass ein EEG gemacht und der Gehirnblutfluss gemessen wird, bevor der Hirntod festgestellt werden kann. https://santesecu.public.lu/de/espace-citoyen/departement-sante/prevention/don-organes/mort-cerebrale.html aufgerufen am 23.10.2026)

Was die Hirntod-Definition leistet – und was nicht

Die Hirntod-Definition soll einen zuverlässigen, überprüfbaren Zeitpunkt markieren, an dem das Bewusstsein unwiederbringlich erloschen ist und die selbstständige Atmung nicht mehr zurückkehrt. Sie ersetzt nicht die individuelle Bewertung von Lebensqualität oder die palliative Begleitung am Lebensende. Aber sie schafft einen möglichst klaren Rahmen für Medizin, Angehörige und Gesellschaft. Dass über einzelne Grenzfragen weiter diskutiert wird, ist Teil einer offenen, wissensbasierten Praxis – die medizinische Durchführung selbst folgt jedoch präzisen, standardisierten Vorgaben, die bei Bedarf dem wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt angepasst werden (Greer 2023; Blumenthal-Barby 2025).

Warum die Hirntod-Definition diskutiert wird

Trotz klarer medizinischer Kriterien bleibt die Definition des Hirntods Gegenstand von Debatten. Eine zentrale Frage lautet: Was heißt „irreversibel“ genau? Manche Ethiker sprechen lieber von „permanent“. Gemeint ist: Die fehlende Funktion kommt von allein nicht zurück. „Irreversibel“ klingt dagegen so, als könnte sie selbst mit maximalem Aufwand niemals zurückkehren. Das ist jedoch unter Umständen möglich, wenn die Ärzte die äußersten Mittel der Intensivmedizin einsetzen. Ob das im Sinne des Patienten wünschenswert ist, ist jedoch fraglich (Blumenthal-Barby 2025).

Hirntot bei stabilem Kreislauf: Voraussetzung für die Organspende

Besonders wichtig ist die Definition des Hirntodes für die Organspende. Wenn bei einem Menschen, der sich zur Organspende bereit erklärt hat, sämtliche Hirnfunktionen einschließlich der des Hirnstamms erloschen sind, ist er hirntot. Eine Organentnahme ist nun erlaubt. Dafür muss diese hirntote Person aber zunächst noch künstlich beatmet, ihr Herz am Schlagen und ihr Kreislauf stabil gehalten werden. Sonst würde das zu entnehmende Organ geschädigt. Sobald die Ärzte nach der Organentnahme die medizinischen Geräte abschalten, brechen zusätzlich zur bereits erloschenen Gehirnfunktion auch alle anderen Körperfunktionen zusammen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Begriff „Tod“ aus bioethischer Sicht dem Begriff „Gesundheit“ ähnelt: Beide sind keine einfachen Definitionen, sondern komplexe Konzepte, die medizinische Fakten, rechtliche Festlegungen und gesellschaftliche Werte miteinander verbinden (Blumenthal-Barby 2025).

Was passiert mit uns nach dem Tod?

Nach dem Ende von Atmung und Kreislauf beginnt der Körper sich in einer typischen Reihenfolge zu verändern. Er zerfällt und wird zersetzt. Diese Abfolge ist in der Rechtsmedizin gut dokumentiert und hilft bei Bedarf, den Todeszeitpunkt recht genau zu bestimmen.

Erste Stunden: Blässe, Abkühlung, Totenflecken

Nach dem Tod wird zunächst die Haut blass, weil das Blut nicht mehr zirkuliert. Gleichzeitig kühlt der Körper ab, bis er die Umgebungstemperatur erreicht. Danach zeigt sich eine charakteristische Musterung: Das Blut sackt in die tieferliegenden Körperpartien ab und verfärbt die Haut dort rötlich-violett. Anfangs lassen sich diese Totenflecken noch wegdrücken, später „fixieren“ sie sich und bleiben bestehen. Diese frühen Veränderungen folgen einem Zeitschema von Minuten bis zu den ersten zwölf Stunden und bilden den Auftakt der so genannten postmortalen Phase (Khalil 2024).

Muskelstarre und frühe Zersetzung

Im Anschluss versteifen die Muskeln – die Totenstarre entsteht, weil den Muskelfasern die Energie fehlt, sich zu lösen. Sie baut sich in der Regel innerhalb von Stunden auf, ist nach etwa einem halben Tag voll ausgeprägt und löst sich wieder, sobald die Zersetzung voranschreitet. Parallel setzt Fäulnis ein: Zunächst verfärbt sich der Bauch grünlich, Gase lassen den Körper aufblähen, und es kann ein netzartiges Muster entlang der Venen sichtbar werden – ein Zeichen beginnender Zersetzung in den Gefäßen. Diese Phase reicht grob von einem bis zu drei Tagen nach dem Tod (Khalil 2024).

Fortgeschrittene Zersetzung

In den folgenden Tagen wird der Zerfall deutlicher. Blasen an der Haut, Ablösungen von Hautschichten und der Austritt von Flüssigkeiten sind typische Befunde. Bakterielle Stoffwechselprodukte verursachen einen intensiven Verwesungsgeruch. Die Weichteile verflüssigen sich zunehmend. Die Geschwindigkeit, mit der dies geschieht, hängt stark von Temperatur, Feuchtigkeit, Bekleidung und Körperkonstitution ab (Khalil 2024).

Späte Stadien: Adipocere, Mumifikation, Skelettierung

Über Wochen bis Monate prägen die Umweltbedingungen das Bild der verwesenden Leiche. In feuchten Milieus kann Adipocere entstehen – ein wachsartiges, seifenähnliches Umwandlungsprodukt von Körperfett, das Gewebe konserviert. In trockener, warmer Umgebung kommt es eher zur Mumifikation: Gewebe trocknen ein und bleiben als harte, ledrige Strukturen erhalten. Am Ende steht die Skelettierung, nach der nur noch Knochen übrig sind (Khalil 2024).

Forensik: Den Zeitraum seit dem Tod bestimmen

Die ersten Anzeichen – Blässe, Abkühlung, Totenflecken und Totenstarre – erlauben eine grobe Eingrenzung der Zeit seit dem Tod, vor allem in den ersten ein bis zwei Tagen. Danach sinkt ihre Genauigkeit. Hier setzt moderne Forschung an und prüft zusätzliche Hinweise: Wie verändern sich biochemische Marker, etwa der Kaliumgehalt im Glaskörper des Auges? Wie verändern sich die bakteriellen Lebensgemeinschaften auf dem Körper nach dem Tod?

Auch die forensische Entomologie – also die Analyse, welche Insektenlarven in der Leiche leben – liefert belastbare Informationen für Zeiträume von Tagen bis Wochen. Der zentrale Befund über alle Studien hinweg ist: Kein Verfahren ist allein zuverlässig für sämtliche Zeitfenster. Am präzisesten wird die Schätzung, wenn Forensiker mehrere Methoden kombinieren und an die Umgebungsbedingungen anpassen (Strete 2025).

Grenzbereich zwischen Leben und Tod: Nahtoderfahrungen und die Frage nach der Seele

Viele Menschen, die nach einem Kreislaufstillstand reanimiert wurden, berichten von intensiven Erlebnissen: Sie haben einen Tunnel gesehen, ein helles Licht, hatten ein Gefühl von Frieden, einen Blick auf den eigenen Körper oder ein schneller „Lebensfilm“ ist vor ihnen abgelaufen. Diese Berichte wirken konsistent und nachvollziehbar. Die Forschung zeigt jedoch, dass wir sie mit bekannten Prozessen im Gehirn erklären können, ohne auf Übernatürliches zurückgreifen zu müssen (Martial, 2025).

Während der Sterbephase bricht die Versorgung mit Sauerstoff weg (s. Teil 1), und das Gehirn gerät in einen Ausnahmezustand. Nervenzellen geben dann vermehrt Signale ab und setzen Botenstoffe frei. Diese Mischung kann sehr lebhafte Eindrücke auslösen – bis hin zu hyperrealistischen Szenen, die sich echter anfühlen als normale Erinnerungen. Messungen legen nahe, dass das Gehirn in den ersten Sekunden nach einem Herzstillstand noch sehr schnelle Hirnwellen erzeugt. Forschende bringen solche Muster mit Wahrnehmung und Gedächtnis in Verbindung, was erklärt, warum die Eindrücke so eindringlich wirken können.

Zugleich verliert ein Netzwerk, das normalerweise unser Ich-Gefühl stabilisiert, seine Ordnung. Die Fachwelt nennt es „Default Mode Network“, kurz DMN. Wenn dieses Netzwerk zerfällt, berichten Betroffene häufiger von einem Gefühl der „Einheit“ oder davon, den eigenen Körper zu verlassen. Wissenschaftler erklären die typischen Nahtoderfahrungen mit dem Zerfall des DMN (Martial, 2025).

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für eine unsterbliche Seele

Diese naturwissenschaftliche Erklärung nimmt den Erlebnissen nichts von ihrer Bedeutsamkeit. Sie zeigt aber, dass wir sie innerhalb der Biologie verstehen können. Das gilt auch dann, wenn Menschen Details berichten, die sie eigentlich nicht wahrgenommen haben sollten. Solche Fälle bleiben methodisch schwierig zu analysieren: Reanimationssituationen sind chaotisch, zeitliche Einordnungen sind im Nachhinein unsicher, und Erinnerungen verändern sich. Die aktuelle Evidenz reicht nicht aus, um daraus ein „Weiterleben“ des Bewusstseins abzuleiten. Das schließt nicht aus, dass Forschung hier weiterfragt. Die Datenlage spricht allerdings bisher dafür, dass Nahtoderfahrungen mit der Funktionsweise des Gehirns in Extremsituationen  erklärt werden können (Martial, 2025).

Die Frage nach einer unsterblichen Seele berührt mehr als Messwerte. Sie verbindet Neurowissenschaft, Philosophie und Religion. Die Neurowissenschaft beschreibt Bewusstsein als Leistung vernetzter Hirnregionen. Welche Rolle subjektives Erleben dabei genau spielt, bleibt das „harte Problem“: Die Biologie kann nicht erklären, warum wir ein Bewusstsein haben.

Philosophie und religiöse Traditionen deuten Nahtoderfahrungen auf unterschiedliche Weise – als Hinweis auf Transzendenz, als Sinnbild eines Übergangs der Seele aus dem Körper in die Ewigkeit. Aus wissenschaftlicher Sicht beantwortet keine dieser Deutungen die Frage, ob Bewusstsein ohne Gehirn weiterbesteht. Manche Wissenschaftler plädieren deshalb für eine nüchterne Doppelperspektive: Empirie erklärt die Mechanismen, Sinnstiftung ordnet die Erfahrung kulturell und persönlich ein. Beides kann nebeneinander bestehen, ohne das eine ins andere zu überführen (Shomron 2025).

Fazit: Das Sterben als Grenze der Wissenschaft

Wissenschaft beschreibt die Prozesse des Sterbens und den körperlichen Zerfall nach dem Tod präzise, liefert klare Kriterien, wann ein Mensch als tot gilt und ordnet Grenzphänomene beim Übergang vom Leben zum Tod mit Hilfe bekannter biologischer Mechanismen ein. Nahtoderfahrungen sind menschlich, tief und oft tröstlich – und sie lassen sich mit dem Verhalten des Gehirns am Lebensende erklären.

Sinn- und Trostfragen beantwortet die biologische Forschung nicht. Sie gehören – gerade an Allerheiligen – in den Raum von Kultur, Religion und persönlicher Haltung. Ein Nachweis für eine „Seele“, die unabhängig vom Körper fortbesteht, liegt aus wissenschaftlicher Sicht nicht vor (Martial, 2025; Shomron, 2025). Trotzdem verdienen religiöse Deutungen von Sterben, Tod und Seele Respekt: Sie bieten vielen Menschen Orientierung, Trost und ein Sprachbild für Erfahrungen, die sich naturwissenschaftlich zwar erklären, den existenziellen Bedarf an Sinn jedoch nicht befriedigen.

 

Autor: Hannes Schlender (ScienceRelations)
Redaktion: Jean-Paul Bertemes (FNR)

Infobox

Quellen

Blumenthal-Barby, J. (2025). ‘Death’ Is Like ‘Health.’ The American Journal of Bioethics, 25(9), 1–2. https://doi.org/10.1080/15265161.2025.2535904

Greer, D. M., Shemie, S. D., Lewis, A., Torrance, S., Varelas, P. N., Bernat, J. L., & others. (2023). Pediatric and Adult Brain Death/Death by Neurologic Criteria Consensus Guideline. https://www.neurology.org/doi/pdf/10.1212/WNL.0000000000207740

Khalil, A., Hegazy, N., Abouhashem, A., Shaheen, M., & Hassan, N. (2024). From Death to Decay : An Overview of Postmortem Changes. Zagazig University Medical Journal, 30(6), 2345-2355. doi: 10.21608/zumj.2024.291002.3405

Leisman, Gerry & Gosseries, Olivia & Machado, Calixto & Martial, Charlotte & D'Angiulli, Amedeo. (2025). Editorial overview: Consciousness on the borders of life and death. Current Opinion in Behavioral Sciences. 66. https://doi.org/10.1016/j.cobeha.2025.101594.

Martial, Charlotte & Fritz, Pauline & Gosseries, Olivia & Bonhomme, Vincent & Kondziella, Daniel & Nelson, Kevin & Lejeune, Nicolas. (2025). A neuroscientific model of near-death experiences. Nature Reviews Neurology. 21. 10.1038/s41582-025-01072-z.

Noble PA, Pozhitkov A, Singh K, Woods E, Liu C, Levin M, Javan G, Wan J, Abouhashem AS, Mathew-Steiner SS, Sen CK. Unraveling the Enigma of Organismal Death: Insights, Implications, and Unexplored Frontiers. Physiology (Bethesda). 2024 Sep 1;39(5):0. doi: 10.1152/physiol.00004.2024.

Shomron, N. (2025). Seeking the Soul. Journal of Molecular Neuroscience, 75, 40. https://doi.org/10.1007/s12031-025-02334-7

Strete G, Sălcudean A, Cozma A-A, Radu C-C. Current Understanding and Future Research Direction for Estimating the Postmortem Interval: A Systematic Review. Diagnostics. 2025; 15(15):1954. https://doi.org/10.3390/diagnostics15151954

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