Auke-Florian Hiemstra
Marc Abrahams, Gründer des Ig-Nobelpreises
Zusammen mit seinen Kollegen vergibt Marc Abrahams seit 1991 die Ig-Nobelpreise. Sie zeichnen Forschung aus, die Menschen zunächst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt. Im Interview erklärt er, warum ihn ungewöhnliche Fragen mehr interessieren als endgültige Antworten, weshalb selbst scheinbar verrückte Forschung ernst genommen werden sollte – und was Lehrkräfte daraus lernen können.
Foto: Auke-Florian Hiemstra
Über die Ig-Nobelpreise
Auf der Website http://www.improbable.com/ werden die Ig-Nobelpreise wie folgt vorgestellt: „Die Ig-Nobelpreise würdigen Leistungen, die so überraschend sind, dass sie die Menschen erst zum LACHEN und dann zum NACHDENKEN bringen. Die Preise sollen das Ungewöhnliche feiern, die Fantasie würdigen – und das Interesse der Menschen an Wissenschaft, Medizin und Technik wecken.“ Auf der Website heißt es weiter: „Die Preise – für Leistungen, die die Menschen erst zum LACHEN und dann zum NACHDENKEN bringen – werden von echten, amüsierten Nobelpreisträgern im Rahmen einer Galaveranstaltung verliehen, die jedes Jahr an der Harvard University, am MIT oder an der Boston University stattfindet (während der Pandemiejahre 2020–2023 jedoch ausschließlich online) und live übertragen wird. Im Jahr 2026 wurde die Zeremonie nach Europa verlegt.“
Unter den diesjährigen Ig-Nobelpreisträgern sind Forschende, die auf Giftschlangen getreten sind, um deren Beißverhalten zu untersuchen, ein Team, das ein möglichst spritzfreies Urinal entwickelt hat, und eines, das tote Moskitorüssel als Düsen für den 3-D-Druck genutzt hat. Welches dieser Projekte zeigt für Sie am besten, was „erst lachen, dann nachdenken“ bedeutet?
Marc Abrahams: Eigentlich alle. Nach 35 Jahren mit den Ig-Nobelpreisen weiß ich: Hinter fast jeder mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichneten Arbeit steckt eine viel interessantere und kompliziertere Geschichte, als man zunächst ahnt. Wenn man genauer hinschaut, ergeben sich neue Fragen, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat. Darauf freue ich mich jedes Jahr wieder.
Ich treffe die Preisträger meist erst am Abend der Verleihung. Erst danach erfahren wir im Detail, was sie eigentlich gemacht haben, wer sie sind und welche Fragen sie zu ihrer Forschung gebracht haben. Und fast immer ist die Geschichte überraschender, als sie auf den ersten Blick wirkt.
Bei der Preisverleihung 2026 in Zürich demonstrieren die Nobelpreisträger Esther Duflo, Abhijit Banerjee, Michel Mayor und Tim Hunt die Erkenntnisse, die der Ig-Nobelpreisträger für Medizin, Tokuji Unno, in seiner Studie mit dem Titel „How to Blow the Nose – An Aerodynamic Study of the Nose Blowing“ dokumentiert hat. Foto: Petra Wolfensberger. Quelle: www.improbable.com
Beim Lesen früherer Interviews mit Ihnen ist mir aufgefallen, dass Sie den Interviewer oft selbst etwas fragen. Interessieren Sie sich mehr für Fragen als für Antworten?
Marc Abrahams: Ja. Genau darum geht es uns – das ist der Kern der Ig-Nobelpreise. Unsere größte Hoffnung ist, dass Menschen durch einen Ig-Nobelpreis plötzlich auf eine Frage stoßen, die sie vorher überhaupt nicht interessiert hat – und auf einmal wollen sie mehr darüber wissen.
Dann hat sich etwas verändert. Was jemand mit dieser neuen Neugier macht, ist ganz offen. Aber dieser Moment ist für mich entscheidend: Eine Frage, die eben noch gleichgültig war, ist plötzlich wichtig geworden.
Ist der Moment, in dem man eine gute Frage entdeckt, vielleicht sogar wichtiger als der Moment, in dem man die Antwort findet?
Marc Abrahams: Findet überhaupt irgendjemand jemals wirklich die Antwort?
Je mehr man über ein Thema versteht, desto deutlicher merkt man meist, wie wenig man eigentlich weiß. Genau das macht Wissenschaft interessant – und eigentlich auch Arbeit und Leben. Es ist ja nicht wie bei einem Film, den man 90 Minuten anschaut und danach mit dem Gefühl rausgeht, dass man alles verstanden hat. Im Gegenteil: Je mehr man lernt, desto mehr erkennt man, dass die Sache noch interessanter und rätselhafter ist, als man vorher dachte. Es ergeben sich immer mehr Fragen.
Gibt es dumme wissenschaftliche Fragen? Oder kann aus einer Frage, die zunächst absurd klingt, gute Wissenschaft entstehen?
Marc Abrahams: Natürlich kann man eine Frage stellen, die einfach nur albern ist und sonst nichts. Aber fast jede Frage, die verrückt klingt, kann sehr schnell in eine interessante – vielleicht sogar wichtige – Richtung führen.
Im Grunde machen Dichter etwas Ähnliches. Sie nehmen ein Wort oder eine Idee und schauen, welche anderen Bedeutungen und ungewöhnlichen Verbindungen darin stecken. Wenn man sich angewöhnt, Dinge, die einem auffallen, einen Moment lang wirklich zu betrachten und sich zu fragen, warum sie so sind, entstehen fast von selbst neue Fragen. Und manche davon möchte man unbedingt beantworten.
Wie kamen Sie 1991 überhaupt auf die Idee, die Ig-Nobelpreise ins Leben zu rufen?
Marc Abrahams: Ich war damals ziemlich unerwartet Herausgeber eines Wissenschaftsmagazins geworden. Ich hatte dem Magazin ein paar eigene Texte geschickt, einfach um zu sehen, ob sie etwas von mir veröffentlichen würden. Stattdessen rief mich der Verleger an und fragte, ob ich Herausgeber werden wolle.
Durch das Magazin lernte ich viele Wissenschaftler, Erfinder und andere Menschen kennen, die sehr ungewöhnliche Dinge gemacht hatten. Und ich dachte immer wieder: Die meisten Menschen werden nie etwas über sie erfahren. Das ist eigentlich schade.
Ich hatte dann eine Idee: Wir können eine Veranstaltung organisieren und einigen dieser Leute Preise verleihen. 1991 fand dann die erste Verleihung am MIT statt. Der Saal war voll, Journalisten aus aller Welt kamen, und vier Nobelpreisträger halfen, die Preise zu überreichen. Wir hatten viel Glück – und weil es funktionierte, machten wir im nächsten Jahr weiter.
Gibt es eine Ig-Nobel-Geschichte, die Sie besonders gern erzählen?
Marc Abrahams: Eine, die ich sehr mag, betrifft ein Team australischer Wissenschaftler. Sie hatten untersucht, welche Kräfte nötig sind, um Schafe über unterschiedliche Oberflächen zu ziehen.
Als ich einen der Forscher anrief, um ihm anzubieten, dass das Team einen Ig-Nobelpreis bekommt, stellte sich heraus, dass er die Preise gut kannte und ein Fan davon war. Während unseres Gesprächs wurde klar: Dieser Anruf war offenbar der erste Moment, in dem ihm und seinen Kollegen bewusst wurde, dass ihre eigene Forschung auf andere komisch wirken könnte. Das passiert erstaunlich oft. Die Preisträger finden die Forschung der anderen Preisträger komisch - ihre eigene nicht.
Und es gilt ja auch im alltäglichen Leben: Was man selbst jeden Tag tut, wird sehr schnell völlig normal. Für Außenstehende kann es dagegen ziemlich verrückt aussehen. Vielleicht ist es deshalb gut, sich gelegentlich daran zu erinnern, wie merkwürdig die eigene Arbeit von außen wirken kann. Dann fängt man eher wieder an, Fragen zu stellen.
Am 14. November sprechen Sie beim STEM Teacher Day in Luxemburg vor Lehrkräften. Was möchten Sie ihnen mitgeben?
Marc Abrahams: Die Ig-Nobelpreise – und eigentlich alles andere im Universum – können einfache Werkzeuge sein, um Schülerinnen und Schüler neugierig zu machen.
Man kann ihnen sagen, dass sie neugierig sein sollen. Oder man zeigt ihnen etwas, das sie neugierig macht und dazu bringt, mehr wissen zu wollen. Ich glaube, der zweite Weg ist angenehmer und sehr viel wirksamer.
Als Student war ich selbst Teaching Assistant. Besonders gern habe ich mit Studierenden gearbeitet, die vor bestimmten Themen Angst hatten. Ich habe versucht, andere Zugänge zu finden, damit aus dieser Unsicherheit Interesse wird. Im Grunde mache ich das heute immer noch.
STEM Teacher Day in Luxemburg
Der STEM Teacher Day am 14. November 2026 ist eine nationale Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte der MINT-Fächer in luxemburgischen Sekundarschulen. Im Mittelpunkt stehen der Austausch von Unterrichtspraxis, die Förderung der Interdisziplinarität zwischen den STEM-Fächern sowie die Vernetzung mit nationalen und internationalen Bildungsakteuren. Durch Vorträge, praxisorientierte Workshops und einer Science Fair erhalten die Teilnehmenden neue Impulse für einen lebensnahen und fächerübergreifenden Unterricht. Marc Abrahams gibt einen der Keynote-Vorträge. Die Veranstaltung bietet zudem Raum für den kollegialen Austausch und die Entwicklung neuer Kooperationen. Ziel ist es, innovative Ideen sichtbar zu machen und gemeinsam die STEM-Bildung weiterzuentwickeln. Organisiert wird der STEM Teacher Day from SCRIPT und dem IFEN. Mehr Infos und Einschreibung auf der Internetseite des IFEN.
Nach 35 Jahren Ig-Nobelpreisen: Haben Sie manchmal Sorge, dass Ihnen irgendwann die wirklich überraschenden Geschichten ausgehen?
Marc Abrahams: Nein. Wir müssen gar nicht besonders intensiv suchen – jeden Tag schicken uns Menschen Vorschläge.
Wir vergeben nur zehn Preise pro Jahr. Gleichzeitig gibt es Milliarden Menschen auf der Welt, und fast alle verbringen ihr Leben damit, Dinge zu tun, die für andere interessant sein könnten. Vieles davon wird irgendwo dokumentiert: in wissenschaftlichen Arbeiten, Berichten oder auf andere Weise. Uns werden die überraschenden Fragen und Ergebnisse ganz sicher nicht ausgehen.
Interview: Hannes Schlender (scienceRELATIONS)
Redaktion: Michèle Weber (FNR)
Die Ig-Nobelpreise 2026
Bei der 36. Ig-Nobelpreisverleihung am 3. September 2026 in Zürich wurden wie jedes Jahr zehn Preise vergeben:
- Biomechanik: Matilda Brindle, Catherine Talbot und Stuart West für eine präzisere wissenschaftliche Definition des Küssens – untersucht bei Ameisen, Vögeln, Eisbären und Menschen.
- Ökonomie: Paul Piff und Kollegen für Hinweise darauf, dass Menschen aus höheren sozialen Schichten eher zu unethischem Verhalten neigen – etwa dazu, Süßigkeiten zu nehmen, die für Kinder bestimmt sind.
- Chemie: Sanchari Banerjee und Kollegen für die Entdeckung, dass bestimmte Milchproteine einer lebendgebärenden Schabe etwa dreimal so viel Energie enthalten wie Milchproteine von Kühen.
- Medizin: posthum Tokuji Unno für eine aerodynamische Untersuchung darüber, wie man sich die Nase putzt.
- Biologie: João Miguel Alves-Nunes und Kollegen dafür, wiederholt vorsichtig auf verschiedene Körperstellen giftiger Schlangen zu treten, um herauszufinden, wann sie zubeißen.
- Physik: Randy Hurd und Kollegen für theoretische und experimentelle Versuche, ein möglichst spritzfreies Urinal zu entwickeln.
- Technologie: Justin Puma und Kollegen für die Nutzung von Moskitorüsseln als hochauflösende Düsen für den 3-D-Druck – ein Verfahren, das sie „Necroprinting“ nennen.
- Geruchsforschung: Ilona Croy und Kollegen für die Untersuchung, warum Eltern den Körpergeruch ihrer Babys deutlich angenehmer bewerten als den ihrer Teenager.
- Frieden: Jaimie Arona Krems und Kollegen für den Befund, dass wir Freunde durchaus schätzen können, wenn sie Menschen schlecht behandeln, die wir selbst nicht mögen.
- Bodenkunde: Franz Bender und Kollegen dafür, 1.000 identische Baumwollunterhosen in mehr als 25 Ländern zu vergraben und zwei Monate später wieder auszugraben, um die Bodengesundheit zu untersuchen.
Ig Nobel Prizes held in Zurich for the first time
After 35 years in the Boston area of the United States, the Ig Nobel Prize ceremony was held in Europe for the first time in 2026. It was hosted jointly by the University of Zurich and ETH Zurich.
Marc Abrahams says the move became necessary after several winners decided not to travel to the United States in 2025 because they did not feel comfortable or safe doing so. For 2026, it was clear that if most of the winners were to attend the ceremony in person, it would have to take place outside the United States.
Zurich is now planned to host the ceremony in even-numbered years. In odd-numbered years, it is intended to move to a different European country – Antwerp in Belgium in 2027. Abrahams jokingly compares the idea to the Eurovision Song Contest.
One unexpected side effect especially pleases him: people from the participating countries meet through the ceremony, and new scientific and artistic contacts and collaborations are already beginning to emerge.