SamsaFilm / University of Luxembourg
Ehemaliger Radio Luxembourg-DJ und -Programmdirektor Tony Prince in seinem Archiv. April 2023
Anm. der Redaktion: Dieser Artikel ist eine leicht angepasste Version eines Beitrags des C2DH, der ursprünglich auf der Internetseite der Universität Luxemburg veröffentlicht wurde. Lies den Original-Artikel hier.
Am 5. Oktober 1962 entdeckten die Europäer die Beatles mit der Weltpremiere ihres Songs „Love Me Do“ im Radio Luxemburg. Von London bis Moskau, von Lissabon bis Athen hörten Tausende junger Zuhörer, manchmal heimlich unter ihrer Bettdecke, diese neue Musik, die von den älteren Generationen als störend, ja sogar subversiv empfunden wurde.
In der Nacht trug Radio Luxemburg durch das Rauschen der Langwellen dazu bei, Pop als transnationale Kultursprache zu etablieren und das Radio zu einem mächtigen Träger der Moderne, der Verbreitung von Vorstellungswelten und in gewissem Maße auch des politischen Wandels zu machen, sogar jenseits des Eisernen Vorhangs.
Noch bis zum 3. April 2026 lädt die Ausstellung „Radio Luxembourg – Ghosts of the Villa” ein, sich in der legendären Villa Louvigny in der Stadt Luxemburg von Klängen begleitet durch diese Geschichte führen zu lassen. Eine Reservierung ist erforderlich und kann über die Webseite des Projekts gebucht werden.
Radio Luxemburg als eigenständiges Phänomen
Die komplexe und weitgehend grenzüberschreitende Geschichte versuchen Dominique Santana und Bernard Michaux, zwei begeisterte Radio- und Storytelling-Fans, zu rekonstruieren. Sie ist Forscherin und Regisseurin am Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History C2DH der Universität Luxemburg, er ist Produzent bei Samsa Film. Dies geschieht im Rahmen eines Projekts, das vom Luxembourg National Research Fund (FNR) mit gefördert wird.
Oben: Dominique und Bernard während der verschiedenen Treffen mit Vertretern der Branche beim IDFA International Documentary Filmfestival Amsterdam
Als Dominique 2022 zum ersten Mal von diesem Projekt spricht, ist ihr Ziel klar: Sie will über die Nostalgie hinausgehen und Radio Luxemburg als eigenständiges mediales, kulturelles und politisches Phänomen untersuchen.
In den Fluren der legendären Villa Louvigny in Luxemburg treffen sich DJs und Moderatoren, tauschen sich über neue Plattenveröffentlichungen aus, kommentieren die letzten Zuschriften von Hörern, lachen ... bevor sie sich in ihre Studios begeben. Wie in einem radiophonen Turm zu Babel gibt es hier luxemburgische, französische, englische, deutsche und niederländische Studios, deren Programme einen Großteil Europas abdecken. Ein seltenes Privileg für einen kommerziellen Radiosender in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die meisten Sender national waren und ihre Ausstrahlung an den Staatsgrenzen endete.
Interviews und Archivrecherchen
Bereits in den 2000er Jahren begann Bernard Michaux, damals ein junger Student, der von der internationalen Bedeutung des Senders fasziniert war, ehemalige DJs in London zu interviewen, darunter Keith Fordyce, Pete Murray, Paul Burnett und Ollie Henry. Später ergänzten zahlreiche Interviews von Dominique diese einzigartige Sammlung mündlicher Überlieferungen. Um nur die vor kurzem verstorbene ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Luxemburg Colette Flesch über die Rolle dieses Senders zu zitieren: „Radio Lëtzebuerg war e Beispill wéi e moderne Radio kéint ausgesinn. An dofir ass Radio Lëtzebuerg vill gelauschtert ginn, an dofir huet och Radio Lëtzebuerg eng Influenz op iwwerhaapt d’Radio- an Televisiounsproduktioun kritt, déi weit iwwert d’Dimensioun vun onsem Land erausgeet. Et war e ganz gudden Ambassadeur fir ons, Radio Lëtzebuerg, an dofir huet d’Politik sech och dofir interesséiert.“
Links: Große Auswahl an Zeitschriften und Andenken, ordentlich auf einem Tisch bei Romain Hoffmann angeordnet. Rechts: Villa Louvigny. Hier befanden sich die Sendestudios für die verschiedenen Sprachdienste sowie ein Fernsehsender.
Das Projekt stützt sich auch auf umfangreiche Archivrecherchen. Zu den bemerkenswertesten Entdeckungen zählen mehrere hundert Briefe von Hörern von Radio Luxemburg, die aus der DDR verschickt, während des Kalten Krieges von der STASI abgefangen und in Berlin wiedergefunden wurden. Diese Briefe, die nie in der Villa Louvigny ankamen, sind ein ergreifendes Zeugnis für die Rolle des Radios als Ort der Projektion, der Sehnsucht und der symbolischen Freiheit für Hörer, denen der direkte Zugang zur westlichen Populärkultur verwehrt war.
Die Ausstellung „Radio Luxembourg – Ghosts of the Villa“
Eine Auswahl dieser Briefe sowie zahlreiche Erfahrungsberichte ehemaliger DJs und Moderatoren – darunter Désirée Nosbusch, Pilo Fonck, Georges Lang, Tony Prince, Frank Elstner, Benny Brown, Erna Hennicot Schoepges, Aline Pütz –, aber auch von Ingenieuren, internationalen Hörern und luxemburgischen Politikern wie Colette Flesch, Jacques Santer oder Jean-Claude Juncker bilden die immersive und interaktive Klangwelt von Radio Luxembourg – Ghosts of the Villa. Dieses Erlebnis, das auf einer Fläche von 500 m² in der Villa Louvigny konzipiert wurde, lädt das Publikum ein, die Geschichte des Senders durch Klang zu erkunden.
Die Räume vibrieren im Rhythmus der DJs, Popstars und Stimmen der Hörer, gemischt mit audiovisuellen Archiven, alten Sendungen und einer immersiven Beleuchtung. Jeder Schritt offenbart eine neue Geschichte in diesem immersiven Erlebnis, das die Villa Louvigny wieder zum Leben erweckt. Parallel dazu wird eine Reihe von Podcasts, die von Studenten der Universität Luxemburg unter der Leitung von Dominique Santana und Andreas Fickers produziert werden, neuen Erzählungen und kritischen Blicken auf die Geschichte von Radio Luxemburg eine Stimme geben.
Podcast "Selling Happiness, Shaping Minds – A Radio Luxembourg Story"
Im März sendet das C2DH der Universität Luxemburg jede Woche eine Podcast-Folge zur Geschichte von Radio Luxembourg, die von Studenten des Masterstudiengangs „Digital and Public History“ produziert wurde. Der Podcast ist auf Radio.lu, RTL Replay und allen gängigen Podcast-Plattformen zu hören.
Webseite, Dokumentarfilm, Tournee und pädagogischer Leitfaden
In den kommenden Jahren wird das Projekt in verschiedenen Formaten zum Leben erweckt, von denen jedes eine einzigartige Möglichkeit bietet, Radio Luxemburg zu entdecken. Online wird die Website, die derzeit vor allem für eine Crowdsourcing-Kampagne genutzt wird, zum digitalen Herzstück des Projekts, zu einem echten Portal für zahlreiche Informationen, Archivdokumente und Erzählungen. Im Frühjahr 2027 wird ein Dokumentarfilm in den luxemburgischen Kinos zu sehen sein, der eine filmische Zusammenfassung dieser einzigartigen Geschichte bietet.
Getreu dem wandernden Geist des Senders wird das Projekt schließlich mit Unterstützung lokaler Botschaften in Luxemburg und international auf Tournee gehen. Ein frei zugänglicher, mehrsprachiger pädagogischer Leitfaden wird es außerdem ermöglichen, dieses Radioabenteuer in Schulen einzuführen und die junge Generation dazu anzuregen, kritisch zu verstehen, wie ein Radiosender dazu beigetragen hat, kulturelle Praktiken, Vorstellungswelten und Hörgewohnheiten zu prägen, die bis heute nachwirken.
Mehr Infos auf der Internetseite des Projekts.
Autor: C2DH
Redaktion: Michèle Weber (FNR)
Fotos: SamsaFilm / University of Luxembourg