Die Affenpocken sind nun auch in Luxemburg angekommen. Damit gehört Luxemburg zu den nunmehr 23 Ländern der EU, in denen das Virus diagnostiziert wurde. Was bedeutet das jetzt für die Einzelperson und für die Gesellschaft? Steuern wir auf eine neue Pandemie zu, oder ist diese Gefahr bei den Affenpocken gering? Wir haben die wichtigsten Fakten zusammengetragen.  

Hierfür haben wir den Epidemiologen Joël Mossong von der Inspection Sanitaire befragt, um uns die Fakten einzuordnen und die Situation einzuschätzen. 

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Zur Person: Joël Mossong

Joël Mossong ist Epidemiologe bei der Inspection Sanitaire und Experte in der Modellierung der Ausbreitung von Viren. 

Er hat in Diekirch sein Abitur gemacht, um danach in England zuerst einen Bachelor und Master in Mathematik zu absolvieren und anschließend ein Doktorat über die Modellierung von Impfprogrammen gegen die Masern. Danach hat Joël Mossong am CRP Santé geforscht, ab 2003 im luxemburgischen LNS. Seit 2020 arbeitet er in der Inspection sanitaire, u.a. im Contact Tracing. 

Joël Mossong auf Twitter: @Joël_mossong 

Wie schlimm ist die Situation?  

Fest steht: die Situation wird sehr ernst genommen. Laut Joël Mossong wird die Lage in Europa täglich analysiert und genau beobachtet. Es bestehe auch ein enger Kontakt mit dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). „Da man in den Nachbarländern steigende Zahlen feststellt, geht man davon aus, dass es auch in Luxemburg nicht bei einem Einzelfall bleiben wird. Anders als beim Corona-Virus, sei die Risikoeinschätzung jedoch eine ganz andere“, erklärt Joël Mossong. Das sei laut dem Epidemiologen auf zwei Hauptgründe zurückzuführen:  

  • Da das Virus nicht so ansteckend ist, sind die Fälle auf kleine Gruppen begrenzt. Das Risiko einer raschen und weiten Ausbreitung in der allgemeinen Gesellschaft sei sehr gering.  
  • Zweitens weisen die Fälle, die bis dato in Europa diagnostiziert wurden, einen milden Verlauf auf. Man gehe davon aus, dass eine Reihe Fälle sogar unentdeckt bleiben. 

Dennoch sind die Experten weltweit wachsam: 

„Weshalb das Virus jetzt Sorgen bereitet und nicht bereits vor einigen Jahren, liegt daran, dass das Virus jetzt weltweit anfängt Fuß zu fassen“, so der Epidemiologe. „Bisher gibt es vor allem Fälle bei erwachsenen, sexuell aktiven Männern, die grundsätzlich bei guter Gesundheit sind. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es vereinzelte Fälle in der gesamten Gesellschaft durch engen, nicht sexuellen Körperkontakt geben wird. Wir wissen nicht, wie gefährlich das Virus für Babys, Kinder, Schwangere und Personen mit größeren gesundheitlichen Problemen sein kann.”  

Die Symptomatik, die jetzt durch das Virus hervorgerufen würde, sei anders als noch vor ein paar Jahren in Afrika. Es stelle sich heraus, dass die visuellen Läsionen nicht so stark ausgeprägt sind, wie auf vielen Fotos die im Netz zu finden sind, und sich oft auch auf den Intimbereich limitieren. Dennoch bestehe ein Risiko, Narben zu behalten.  

Ein weiterer Grund zur Sorge ist laut Joël Mossong, dass das Virus sich verändern kann. „Wenn das Virus jetzt in der Bevölkerung Fuß fasst, kann es auch passieren, dass es vom Menschen wieder auf Tiere übergeht, und sich so ein neues Reservoir für das Virus bildet, was wiederum eine neue Ansteckungsquelle für Menschen werden könnte“, erklärt Joël Mossong. 

Steuern wir auf eine neue Pandemie zu?  

Laut Joël Mossong ist dieses Szenario sehr unwahrscheinlich. Mittlerweile wurden weltweit 2166 Fälle von Affenpocken registriert (Stand 16.06.2022). Mit den Daten, die heute vorliegen, könne man davon ausgehen, dass die Verbreitung ganz anders verläuft als beim Corona-Virus. Allem voran sei dies der geringeren Ansteckungsgefahr zuzuschreiben.  

Natürlich können, wie bei jedem Virus, in Zukunft noch Mutationen auftreten, die es vielleicht virulenter oder ansteckender machen könnten. Das Virus gibt es an sich bereits seit mehreren Jahren. Erste Varianten waren in Afrika aufgetaucht. Seither hat es sich ein wenig verändert. Auch wenn es dieses Risiko der Veränderung des Virus bei Mensch-Tier Übertragungen gibt, weisen zurzeit keine Daten darauf hin, dass das Virus bei Menschen schnell mutiert oder virulenter wird. Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass es sich beim Affenpocken-Virus um ein DNA-Virus handelt (und nicht um ein RNA-Virus, wie bei beim SARS-Coronavirus-2). Solche Viren mutieren weniger häufig.  

Geschichte des Affenpockenvirus 

Die Affenpocken sind eine virale Zoonose. Eine Zoonose ist eine Krankheit, die durch ein Virus ausgelöst wird, das von Tieren auf den Menschen übertragen wird. Die Affenpocken werden durch das Affenpockenvirus verursacht, das zur Gattung der Orthopoxviren gehört. Aktuell sind zwei Varianten des Affenpockenvirus beschrieben: die westafrikanische und zentralafrikanische Variante. Die Affenpocken wurden erstmals 1958 entdeckt. In Affenkolonien, die zu Forschungszwecken gehalten wurden, traten damals zwei Ausbrüche einer pockenähnlichen Krankheit auf. Daher auch der Name "Affenpocken". 1970 gab es dann den ersten Fall von Affenpocken beim Menschen in der Demokratischen Republik Kongo. Seitdem ist das Affenpockenvirus in mehreren anderen zentral- und westafrikanischen Ländern endemisch. Später wurden Fälle von Affenpocken bei Menschen außerhalb Afrikas registriert, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Mittlerweile wurden weltweit 2166 Fälle von Affenpocken registriert (Stand 16.06.2022). 

Wie gefährlich ist das Virus?  

Laut Robert Koch Institut treten die ersten Symptome 5 bis 21 Tage nach der Infektion auf. Die Symptome sind typischerweise sehr mild und klingen nach zwei bis vier Wochen von selbst wieder ab.  

„Bei der westafrikanischen Variante, die im Moment bei uns zirkuliert, sind die ersten Symptome typischerweise Pusteln im Genitalbereich oder vereinzelt auch an anderen Stellen des Körpers“, präzisiert Joël Mossong. Diese könnten auch mit anderen Geschlechtskrankheiten verwechselt werden. Wichtig sei also, dass man sich bei Auffälligkeiten sofort untersuchen lässt.  

In einer zweiten Phase können dann auch typische Krankheitssymptome auftreten wie Fieber, Muskelschmerzen oder geschwollene Lymphknoten. Laut WHO kann es bei manchen Menschen zu medizinischen Komplikationen und sogar zum Tod kommen. Bei Neugeborenen, Kindern und Menschen mit einer zugrunde liegenden Immunschwäche, bestehe diese Gefahr.  

In west- und zentral-afrikanischen Ländern verliefen bisher die Infektionen in etwa 3-6 % der gemeldeten Fälle tödlich. Schwere Verläufe treten vor allem bei Kindern oder Personen auf, die bereits andere gesundheitliche Probleme hatten. Dabei ist zu beachten, dass diese Zahl wahrscheinlich zu hoch angesetzt ist, da die Überwachung in den endemischen Ländern begrenzt ist. „Bei den über 1000 Fällen außerhalb von Afrika wurde bisher noch kein Todesfall gemeldet und es gibt auch nur sehr wenige Krankenhausaufenthalte“, betont Joël Mossong. 

Wie ansteckend ist das Affenpockenvirus?  

Eine Ansteckung erfolgt laut WHO über engen Kontakt mit infizierten Tieren, aber auch durch Austausch von Körperflüssigkeiten zwischen Menschen. Welche Tiere das Virus übertragen und infiziert werden können, ist noch nicht genau definiert. Das Virus wurde bereits in Nagetieren und Spitzmäusen nachgewiesen; keine bekannten Reservoire außerhalb von Afrika. Wie genau eine Ansteckung von Mensch zu Mensch erfolgt ist auch noch nicht ganz klar, es gibt noch zu wenige Daten.  

„Fast alle bis dato infizierten Fälle sind auf einen sexuellen Kontakt zurückzuführen“, sagt Joël Mossong. „Das heißt aber nicht, dass andere Ansteckungswege, wie zum Beispiel Küssen, ausgeschlossen sind: Man hat nämlich auch Affenpockenviren-DNA im Hals von infizierten Personen nachgewiesen.“  

Die höchste Viruslast wurde in den Flüssigkeiten der typisch auftretenden Pusteln wiedergefunden. Diese sind also hoch ansteckend. Eine gute Nachricht ist jedoch: „Es scheint bisher, als sei man erst ab Erscheinung der ersten Symptome ansteckend”, sagt Joël Mossong. Auch deswegen sei das Risiko einer Pandemie geringer: „Wenn Infizierte rechtzeitig diagnostiziert und isoliert werden, kann man Infektionsketten effizienter unterbinden (im Gegensatz zum Coronavirus, wo Infizierte bereits vor Symptombeginn ansteckend sind oder gar symptomlos bleiben, aber trotzdem ansteckend sein können).“ Infizierte Personen bleiben dann allerdings ansteckend, bis alle Krusten der Pusteln abgefallen sind. Das kann 2 bis 3 Wochen dauern.  

Welche Gruppen sind dem höchsten Ansteckungsrisiko ausgesetzt?  

Risikogruppen sind laut ECDC und Joël Mossong Menschen, die oft den Geschlechtspartner wechseln. Dies lässt darauf schließen, dass vermutlich beim Geschlechtsverkehr die größte Ansteckungsgefahr besteht. Außerdem treten die hoch ansteckenden Pusteln oft im Genitalbereich auf. Obwohl die meisten Fälle zurzeit Männer betreffen, die Geschlechtsverkehr mit anderen Männern haben, ist es wichtig zu wissen, dass genau so auch Frauen und heterosexuelle Männer, die oft den Geschlechtspartner wechseln einem höheren Risiko ausgesetzt sind. Auch sind Professionelle im Gesundheitssektor, die Patienten ohne adäquate Schutzmaßnahmen (Maske, Handschuhe) pflegen, einem höheren Risiko ausgesetzt.  

Werden wir jetzt wieder alle geimpft? Aktuelle Regelungen der Regierung.  

Zurzeit gibt es keine Impfung gegen das Affenpockenvirus. Da das Virus in seiner Struktur jedoch Ähnlichkeiten mit dem Menschenpockenvirus (smallpox virus) aufweist, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Impfung gegen das Menschenpockenvirus auch gegen das Affenpocken-Virus schützt. Der Menschenpocken-Impfstoff der dritten Generation Imvanex, hergestellt von der Firma Bavarian Nordic (Dänemark), erhielt im Jahr 2013 eine Marktzulassung in Europa, ist aber im Gegensatz zu Amerika und England in Europa noch nicht für die Prävention vor Affenpocken zugelassen. Trotzdem bereitet man sich laut Joël Mossong schon für den Fall vor, in dem der Impfstoff als sicher und wirksam gegen das Affenpockenvirus befunden würde.  

Die WHO rät nämlich zurzeit zu einer Ringimpfung. Das bedeutet, dass Menschen, die in engem Kontakt mit einer infizierten Person standen - soweit Sie dann bekannt sind -, eine Impfung bekämen. Dies müsse aber bestenfalls in den ersten vier Tagen nach dem Kontakt und spätestens 14 Tage nach dem Kontakt erfolgen. 

„Es kann sein, dass Menschen, die vor 1980 geboren wurden und demnach gegen Pocken (smallpox) geimpft wurden, einen gewissen Schutz gegen die Affenpocken haben. Jedoch ist die Impfung bei vielen schon mehr als 40 Jahre her und es gibt auch noch zu wenige Daten, um hier feste Schlüsse zu ziehen, wieviel sie noch wirkt“, so der Epidemiologe. 

Die EU hat im Januar 2022 Tecovirimat zugelassen, ein Medikament gegen echte Pocken, Kuhpocken und Affenpocken. Laut Robert Koch Institut- ist dies eine mögliche Therapieoption für immungeschwächte Personen, aber noch nicht breit verfügbar. 

Momentan gibt es folgende Maßnahmen von der Regierung:  

Verdachtsfälle werden mittels Abstriche und PCR Test auf das Virus getestet. Laut Joël Mossong ist das Virus mit diesem Test sehr einfach nachweisbar. Diagnostizierte Fälle müssen sich 21 Tage isolieren und es werden Personen, zurückverfolgt, mit denen man ab dem Zeitpunkt der ersten Symptome Kontakt hatte. Ähnlich wie beim contact tracing bei Covid. Kontaktpersonen müssen sich jedoch nicht isolieren, sondern werden gebeten, sich selbst zu überwachen und Symptome zu melden.  

Geschichte des Pockenimpfstoffs 

Der Pockenimpfstoff wurde als der wirksamste Impfstoff in der Geschichte beschrieben. Die Pocken waren eine leicht übertragbare Krankheit mit einer hohen Sterblichkeitsrate. Die Impfung entwickelte sich aus der Variolisation, einer alten asiatischen Technik, bei der ein nicht immunisierter Patient mit der Flüssigkeit einer Pockenpustel infiziert wurde. Obwohl die Variolisierung im Allgemeinen die Schwere einer späteren Infektion mit dem Pockenvirus verringerte, war die Zahl der Patienten, die nach der Variolisierung noch die klassische Form der Pocken mit einem vollständigen klinischen Bild und einer hohen Sterblichkeitsrate entwickelten, nicht zu vernachlässigen. Im Jahr 1796 entwickelte Edward Jenner den Impfstoff gegen Pocken. Er kannte die Legende, dass Milchmädchen, die sich bei ihren Kühen mit den Pocken angesteckt hatten, keine Pocken entwickelten. Daher entwickelte er einen Impfstoff (vom lateinischen "vacca", "Kuh"), der aus pustulösem Material bestand, das aus Läsionen von Kühen gewonnen wurde, die wahrscheinlich an den so genannten Rinder- oder Pferdepocken erkrankt waren. 1976 startete die WHO ein Massenimpfprogramm und kündigte die Ausrottung der Pocken im Jahr 1980 an. 

Die zwei Formen, in der sich das Affenpockenvirus unter dem Transmissionselektronenmikroskop präsentiert. Link: https://pixnio.com/science/microscopy-images/two-forms-of-the-brick-shaped-monkeypox-virus-from-a-cell-culture# 
Autoren: Cynthia S. Goldsmith, Inger K. Damon, Sherif R. Zaki, USCDC

Wie kann ich mich schützen und was mache ich bei Verdacht auf Symptome?  

Im Moment gibt es noch sehr wenige Daten, mit denen man genaue Schutzmaßnahmen definieren könnte. Hat man selbst den Verdacht auf eine Infektion mit dem Affenpockenvirus, kann man die Telefonnummer 112 wählen, mit dem Verweis, sich bei der Inspection Sanitaire zu melden. Wenn man einer Gruppe mit höherem Ansteckungsrisiko zugehört und öfter Geschlechtsverkehr mit verschiedenen Personen hat, ist es jetzt umso wichtiger beim Geschlechtsverkehr ein Kondom zu benutzen. „Das schließt zwar keine Ansteckung aus, sollte das Risiko einer Ansteckung jedoch verringern“, sagt Joël Mossong. Wenn man in Kontakt mit einer positiven Person war, solle man sich bei der Gesundheitsbehörde (Direction de la santé) melden. „Für jemanden, der nicht zur Gruppe mit höherem Ansteckungsrisiko gehört und nicht mehrere sexuelle Partner hat, ist eine Infektion relativ unwahrscheinlich. Man sollte lediglich wachsam sein, wenn man einen neuen Geschlechtspartner hat. Andere Schutzmaßnahmen sind zurzeit nicht nötig.“ 

Ein Virus nach dem anderen: Wieso ist das Virus gerade jetzt aufgetaucht?  

Hier spielt der Zufall eine Rolle. Aber es gibt durchaus Gründe, weshalb das Risiko von solchen Virusausbrüchen zunimmt. Hierzu gibt es u.a. drei mögliche Erklärungen: Die globale Erwärmung und die Ausbeutung des Regenwaldes erhöhen die Kontaktraten zwischen Tieren und der Bevölkerung und folglich auch das Übertragungsrisiko. Zweitens fördern eine höhere Bevölkerungsdichte, hochmobile Bevölkerungsgruppen und geopolitische Konflikte die geografische Ausbreitung von Viren. Ein dritter Grund sei, dass infolge der Einstellung der Pockenschutzimpfung Anfang der 80er Jahre die Herdenimmunität abnimmt und ein Großteil der Bevölkerung anfälliger für die Krankheit ist. Das Pockenvirus (smallpox) ist bisher das einzige Virus in der Geschichte der Menschheit, das erfolgreich durch Impfung ausgerottet wurde.  

Autorin: Lucie Zeches (FNR) 

Co-Autoren: Maude Pauly, Christian Penny 

Editoren: Jean-Paul Bertemes (FNR), Michèle Weber (FNR) 

 

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