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Wer heute zwölf oder 20 Jahre alt ist, für den ist das Smartphone das zentrale Gerät für fast alle Lebenssituationen. Das Digitale durchdringt Alltag und Arbeit, verändert Freizeit und Freundschaften – aber auch Denken, Handeln und Zusammenleben der jüngeren Generation. Das ist eines der Resultate des jetzt veröffentlichten Jugendberichts 2025. Was das Leben in Online- und Offlinewelten für das Aufwachsen unserer Jugendlichen, ihre Werte und ihr Wohlbefinden, aber auch für Eltern, Schule und Gesellschaft bedeuten, erläutern Prof. Dr. Robin Samuel und Dr. Hannes Käckmeister von der Universität Luxemburg im Gespräch mit science.lu.
Jugendbericht 2025
Alle fünf Jahre beauftragt das Bildungsministerium die Universität Luxemburg damit, der Jugend des Landes den Puls zu fühlen. Verantwortlich ist ein zwölfköpfiges, multidisziplinäres Forschungsteam des Centre for Childhood and Youth Research (CCY) der Universität unter der Leitung von Prof. Dr. Robin Samuel in Zusammenarbeit mit den Co-Herausgebern Dr. Anette Schumacher und Dr. Hannes Käckmeister. Der Jugendbericht 2025, vierte und neueste Auflage, untersucht die Bedeutung digitaler Medien für Jugendliche in Luxemburg und liefert so wertvolle Informationen für Politik, Praxis und Wissenschaft. Die Resultate stützen sich auf die Ergebnisse aus zwei Erhebungswellen des Youth Survey Luxembourg, einer repräsentativen Online-Umfrage unter 12- bis 29-Jährigen in Luxemburg aus den Jahren 2019 und 2024. Weitere Daten lieferten zwei qualitative Studien, in denen sowohl Jugendliche als auch ihre Eltern interviewt wurden. Zudem wurden STATEC und EUROSTAT-Daten ausgewertet. Der Bericht wird am 9. März 2026 öffentlich vorgestellt und ist hier abrufbar.
Kurzbiografien
Wie geht es der Jugend in Luxemburg heute, im Vergleich zu 2019?
Robin Samuel: Jungen Menschen in Luxemburg geht es insgesamt nicht schlecht. Die Lebensbedingungen im Land sind sehr gut. Im Vergleich zu unserer Umfrage von 2019 sehen wir aber, dass sich das Wohlbefinden junger Menschen verringert hat. Mehr als ein Viertel berichtet von multiplen psychosomatischen Beschwerden. Diese haben seit 2019 zugenommen und betreffen insbesondere junge Frauen. Vor der Hintergrund der russischen Invasion in der Ukraine haben auch die Ängste vor Krieg in Europa stark zugenommen. Diese Sorge wird durch den Krieg im Iran nun noch aktueller. Sorgen um Klimawandel und Umweltverschmutzung dagegen haben abgenommen.
Hannes Käckmeister: An zweiter Stelle stehen bei den befragten Jugendlichen große Ängste vor Krankheit. Wir sehen ebenfalls Ängste vor einer schlechten Wirtschaftslage und ein wachsendes Desinteresse an der Politik. Gleichzeitig eröffnet die rasante Digitalisierung des Lebens neue Chancen, führt aber auch zu Verunsicherung.
Zeichnen sich in anderen Ländern ähnliche Trends ab?
Robin Samuel: Die Abnahme des Wohlbefindens von Jugendlichen ist keine spezifisch luxemburgische Entwicklung. Einige internationale Studien verbinden dies mit dem Aufkommen von Smartphones und sozialen Medien. Die Verschlechterung des Wohlbefindens lässt sich nicht allein durch die Pandemie oder gestiegene Empfindlichkeit erklären. Es gibt klinische Studien, die zunehmende psychische Beschwerden bei Jugendlichen belegen.
Schwerpunkt des neuen Jugendberichts ist die omnipräsente Nutzung digitaler Medien. Was macht das mit jungen Menschen?
Robin Samuel: Wir beobachten, dass sich die Lebenswelt junger Menschen heute nicht mehr in online und offline unterteilen lässt. Online- und Offlinewelt sind zu einem zusammenhängenden Handlungs- und Erfahrungsraum verschmolzen. Das Digitale ist Normalität und überall präsent – in Schule, Familie, unter Freunden. Junge Menschen wechseln häufig und selbstverständlich zwischen analogen und digitalen Praktiken, zum Beispiel in der Schule, im Bus, bei Wartezeiten. In der Freizeit spielen soziale Medien sowie Video- und Musikstreaming eine zentrale Rolle, deren Anziehungskraft viele Jugendliche als überwältigend empfinden.
Diese digitalen Praktiken fragmentieren den Alltag, etwa durch ständigen App-Wechsel oder digitale Mediennutzung in Zwischenzeiten. Der Zeitdruck steigt und zwischen Online- und Offlineaktivitäten entsteht ein regelrechter Wettbewerb. Dazu kommen Desinformation und eine gesteigerte „Fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen, weil man in den sozialen Medien sieht, wie andere leben.
Hannes Käckmeister: Darüber hinaus beobachten wir soziale Unterschiede und Ungleichheiten bei der Nutzung digitaler Medien. Zwar verfügen fast alle Jugendlichen über Smartphones, es zeigen sich aber durchaus Ungleichheiten für andere Endgeräte, je nach sozioökonomischem Status, Geschlecht und Migrationsstatus. Zum Beispiel besitzen männliche Jugendliche häufiger einen Desktop-PC und eine Spielkonsole, während es bei weiblichen Jugendlichen eher Tablet und E-Reader sind. Diese Unterschiede deuten auf geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse hin. Mädchen und junge Frauen berichten zudem häufiger von negativen Online-Erfahrungen, etwa sexualisierten Nachrichten oder übergriffigen Kontaktversuchen.
Hat Sie bei den Umfragen und Interviews zum digitalen Alltag etwas total überrascht?
Robin Samuel: Überrascht hat uns, dass junge Menschen durchaus ein Unbehagen angesichts der ihrer Bildschirmzeit verspüren und ein Problembewusstsein dafür besitzen. Für jüngere Jugendliche im Alter von etwa zwölf bis 15 Jahren ist Dabeisein häufig alles. Für sie ist das Aushandeln von Bildschirmzeit in der Familie ein großes Thema. Ältere Jugendliche aber entwickeln schon Strategien zur Selbstregulation, tracken zum Beispiel ihre Bildschirmzeit. Allerdings heißt Bewusstsein für hohe Bildschirmzeiten und Dauerscrollen nicht, dass Jugendliche dann automatisch das Smartphone weglegen. Aber das geht Erwachsenen ja auch so, die ebenfalls ständig aufs Handy schauen. Wie aber können wir von Jugendlichen erwarten, was wir selbst nicht im Griff haben?
Hannes Käckmeister: Die Bandbreite selbstgesteuerter Lernprozesse und die große Kreativität junger Leute im Umgang mit digitalen Tools sind mir besonders aufgefallen. Sie produzieren und bearbeiten digital Musik, schreiben Gedichte mit KI und zeigen große Ambitionen in E-Sports wie Videospielen. Was das Spielen von Online-Games betrifft, das Eltern oft als Zeitverschwendung sehen, streicht unser Bericht die Perspektive junger Menschen hervor: Viele Jugendliche finden in Gaming-Communities Anschluss, knüpfen Freundschaften, lernen andere Sprachen, strategisches Denken und Problemlösungstechniken. Kompetenzen, die wir auch aus den analogen Gesellschaftsspielen kennen. Warum sollte das nicht in digitalen Räumen stattfinden?
Robin Samuel: Viele dieser Games sind weltweite Spiele in Teams. Ein Literatur-Review zu Massively multiplayer online games aus unserem Team zeigt, wie auf diese Weise ganze Netzwerke entstehen, junge Menschen Leadership-Skills entwickeln, Gamer sich auch real treffen und echte Freundschaften knüpfen. Spannend ist auch, dass immer mehr Eltern schon selbst leidenschaftliche Gamer in ihrer Jugend waren.
Hat diese neue Lebenswelt nur Einfluss auf den Alltag oder auch auf die Persönlichkeit junger Menschen?
Robin Samuel: Die Adoleszenz ist eine wichtige Phase der Entwicklung von Identität. Diese Entwicklung findet nun zunehmend auch in Online-Räumen statt, und das ist eine profunde Änderung im Vergleich zu Jugendlichen vor 20 Jahren. In der Adoleszenz lernen junge Menschen, persönliche Erfahrungen und Reaktionen anderer zu interpretieren, zu verstehen und ihnen einen Sinn zu geben – die Wissenschaft nennt das Meaning Making. Das ist wichtig, um eine eigene Identität zu entwickeln und emotional unabhängig zu werden. Doch statt den Freund zu fragen, wie er auf die Herzchen-Emojis einer Klassenkameradin reagieren soll, fragt ein Jugendlicher jetzt zum Beispiel den Chatbot. Selbst diese identitätsbildenden Erfahrungen machen junge Menschen also zunehmend online und dadurch oft in einer größeren Öffentlichkeit.
Das heißt, Chatbots oder Influencer gewinnen immer mehr an Einfluss?
Hannes Käckmeister: Ja, Sozialisiationsprozesse und traditionelle Kontexte wie Schule und Familie verändern sich. Influencer, YouTuber, Streamer und Content Creatoren gewinnen an Bedeutung. Über diese digitale Welt kommen junge Menschen mit sehr vielfältigen Erfahrungen, Normen und Welten in Berührung. Aber auch die Peers, also die Gleichaltrigen, werden in dieser digitalen Welt immer wichtiger. Sie sind die Ansprechpartner, kennen die neueste App und das neueste Gerät. Sie setzen die Normen, denen Jugendliche folgen möchten.
Vielen Eltern macht die starke Anziehungskraft des Digitalen große Sorgen.
Hannes Käckmeister: Natürlich gibt es Herausforderungen, die auch von den jungen Menschen selbst als solche wahrgenommen werden. Aber aus Sicht der Jugendlichen ist es wichtig, nicht nur auf die Risiken der digitalen Welt zu schauen, sondern auch auf ihr Potential für Selbstverwirklichung und Teilhabe. 88 Prozent schätzen digitale Medien als wichtige Tools, um mit Freunden und Familie im Ausland emotional in Kontakt zu bleiben. 84 Prozent halten die Wissensaneignung via digitale Medien für sehr nützlich. Jugendliche nutzen diese Potentiale sehr.
Robin Samuel: Wir stellen fest, dass digitale Räume wie soziale Medien nicht nur die Freizeit- und Kontaktmöglichkeiten erweitern. Sie sind zu regelrechten transformativen Arenen geworden, in denen Jugendliche Identitäten, Normen und Werte verhandeln. Das Bedrohliche aus Sicht vieler Eltern kommt daher, dass sie zu diesen Welten keinen Zugang und kein Verständnis dafür haben. Das ist aber kein neues Phänomen. Eltern haben sich schon immer gesorgt, was ihre Kinder treiben. Wir sollten aber beides sehen – Risiken und Chancen der digitalen Welt.
Viele Eltern begrenzen den Umgang mit digitalen Tools, verbieten zum Beispiel Smartphone-Nutzung nach 22 Uhr. Wie blicken Jugendliche auf diese Regeln?
Robin Samuel: Mit Ambivalenz. Denn diese Regeln werden meist nur von Elternseite verhängt und es geht oft nur um die reine Bildschirmzeit statt um Inhalte. Wenn Eltern die Nutzung von Apps oder Games zeitlich limitieren und eine Online-Unterhaltung dann plötzlich abbricht oder Avatare sanktioniert werden, weil das Spiel abgeschaltet wurde, kann das in einer digital durchdrungenen Lebenswelt für junge Menschen extrem frustrierend sein. Denn digitales Abschalten bedeutet für Jugendliche vielfach soziales Abschalten. Dazu kommt, dass junge Menschen oft technisch kompetenter sind als Eltern und ab einem gewissen Alter selbst besser einschätzen können, was online passiert.
Wie können Eltern Jugendliche besser unterstützen, in diese digitale Lebenswelt hineinzuwachsen, ohne sich darin zu verlieren?
Hannes Käckmeister: Regeln sind wichtig, aber der Appell junger Menschen an ihre Eltern lautet: Interessiert euch dafür, auf welchen Plattformen wir unterwegs sind. Wir haben in den Interviews festgestellt, dass Vertrauen eine zentrale Rolle spielt. Letztlich ist das Familienklima dafür ausschlaggebend, wie Regeln gesetzt und befolgt werden, ob im Digitalen oder anderen Erziehungsfragen.
Robin Samuel: Entscheidend ist, Interesse zu zeigen. Wer Gaming als Zeitverschwendung abwertet, tut dies nicht. Interesse bedeutet, Zeit zu investieren, offen zu bleiben und auch die eigenen Nutzungsmuster zu reflektieren. Man kann Jugendlichen nicht das Smartphone verbieten und selbst ständig dranhängen.
Problematisch ist auch, wenn Eltern sich nicht mit Inhalten auseinandersetzen und zum Beispiel bestimmten Apps für Kinder unkritisch vertrauen, diese aber Sicherheitsprobleme aufweisen. In solchen Räumen treiben sich mitunter Erwachsene herum, die sich als Gleichaltrige ausgeben und Kinder verstören oder sogar sexuell belästigen. Auch KI-generierte Youtube-Videos, in denen beliebte Zeichentrickfiguren plötzlich brutal agieren, können Kinder extrem verstören. Da sollten Eltern genauer hinschauen.
Was erwarten Jugendliche in einer so digitalisierten Welt von Schule und Lehrern?
Robin Samuel: In den Interviews äußerten Jugendliche den Wunsch, ihre sehr heterogenen digitalen Kompetenzen stärker zu berücksichtigen. Da gibt es junge Experten, die selbst programmieren, Computer bauen, vielleicht mehr wissen als die Lehrkraft und dann eine Einführung ins Internet absolvieren sollen. Die fühlen sich nicht ernst genommen. Die Gesellschaft betrachtet die Jugend immer noch als eine vermeintlich homogene Gruppe. Doch die Jugend ist ein Spiegel der Erwachsenengesellschaft und mindestens ebenso divers. Es gibt konservative und progressive Jugendliche, digital affine und weniger technisch versierte. Das beobachten wir auch unter unseren Studierenden hier.
Hannes Käckmeister: Konkret erwarten Schülerinnen und Schüler von Lehrern, dass sie partizipative digitale Tools im Unterricht einsetzen, Schüler dabei begleiten und praxisnahe digitale Kompetenzen vermitteln, einschließlich Umgang mit Künstlicher Intelligenz, Navigation, Content Creation. Klassische Schlüsselkompetenzen, die weit über digitales Knowhow hinausgehen, sind auch in der schnellen Onlinewelt nützlich und bleiben genauso wichtig. Dazu zählen Zeitmanagement, Selbstregulierung und soziale Kompetenzen.
Mit Apps wie zum Beispiel Duolingo kann man außerhalb der Schule eigenständig lernen. Bringen digitale Lerntools wirklich etwas?
Hannes Käckmeister: Dieses selbstgesteuerte Lernen ist typisch für eine sich wandelnde Bildungskultur. Zwei Drittel der Jugendlichen nutzen Online-Angebote für informelles Lernen wie Sprachapps oder Youtube-Tutorials und recherchieren Informationen zu einem Zeitpunkt, der ihnen passt. Auch KI-gestützte Tools sind verbreitet. Doch man sollte die jungen User damit nicht ganz allein lassen und selbstgesteuertes Lernen als wichtige Form des Kompetenzerwerbs anerkennen. Jugendliche dabei zu begleiten und ihnen eine Orientierung zu geben, sollte Teil der schulischen Lehrpläne werden.
Jugendliche brauchen auch Schutz und Anlaufstellen wie psychosoziale Dienste in Schulen, die zum Beispiel bei Cybermobbing helfen. Wichtige Reflexions-, Schutz- und Ausgleichsräume bieten auch Jugendvereine und andere Einrichtungen im non-formalen Bildungsbereich, in denen Jugendliche sich ausprobieren und einen Ausgleich finden können.
Welche Handlungsempfehlungen in Sachen Lernen und Bildung können Sie der Politik geben?
Robin Samuel: Der Jugendbericht ist eine zentrale Evidenzquelle und Baustein für den nächsten Jugendpakt, der Luxemburgs Jugendpolitik für die nächsten Jahre festlegt. Wir planen Präsentationen und Workshops mit Experten aus der Praxis. Der Jugendbericht ist aber primär eine Bestandsaufnahme, kein Ratgeber. Unsere Rolle ist es, Spannungsfelder zu identifizieren. Konkrete Handlungsempfehlungen von Forschern an die Politik klingen oft sinnvoll, aber Interventionen müssen sorgfältig wissenschaftlich untersucht werden. Es ist Aufgabe von Politik und Gesellschaft, zu entscheiden, wo und wie gehandelt werden soll.
Hannes Käckmeister: Wir sollten Jugendliche als Experten ernst nehmen, ihnen aber nicht die Verantwortung überlassen, die Chancen und Risiken der digitalen Welt allein zu meistern. Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, in einer sicheren Umgebung aufzuwachsen. Wichtig ist, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Jugendliche sich möglichst geschützt im digitalen Raum bewegen und entwickeln können. Dabei brauchen Jugendliche Unterstützung – von Familie, Peers, aber auch von der Gesellschaft als Ganzes. Und das fordert die Politik auf, zu handeln.
Interview: Britta Schlüter
Redaktion: Michèle Weber (FNR)
Fotos der Forscher © Universität Luxemburg
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