LSA/Sabino Parente

Portrait von Léonore Gibert als "Astronaut for a Day" im Jahr 2023

Ein Mittwochnachmittag im Lycée Vauban. Léonore Gibert (16) hat gerade eine Prüfung geschrieben, jetzt eilt sie in den Makerspace, eine kreative Lernwerkstatt für Tech interessierte Schülerinnen und Schüler. Am Fenster stehen Laserschneider und 3D-Drucker, daneben selbst produzierte Plexiglas-Gadgets in Raketenform. Arbeitstische mit bunten Stühlen säumen die Wand, darauf Kunststoffkisten und Kartons voller Material und Werkzeug. Leonore kniet sich auf die graue Schaumstoffmatte in der Raummitte, vor sich eine kastenförmige Maschine aus Lochschienen, Rädern, Kabeln und einem Auffangkorb mit roten und blauen Bällen.

Léonore, woran tüftelst du hier?

Léonore: An einem Projekt für VEX Robotics, dem weltgrößten Schülerwettbewerb für Robotik. Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt nehmen daran teil, aus meinem Lycée allein drei Teams. Mein Team und ich, wir bauen diesen Roboter hier, der mit Hilfe bestimmter Mechanismen Bälle in verschiedenen Farben auffängt und sortiert. Wer den nationalen Wettbewerb in Luxemburg gewinnt, darf zum Finale in die USA fliegen. Wir wollen unbedingt dabei sein!

Daneben nehme ich an CanSat teil, einem Schülerwettbewerb der Europäischen Raumfahrtagentur ESA. Wir bauen einen Satelliten in Größe einer Getränkedose, der dann mit einer Rakete in einen Kilometer Höhe geschickt wird. Dabei untersuchen wir unter anderem den Fluss von Myonen –superinteressante Elementarteilchen, die häufig in der kosmischen Strahlung vorkommen und noch recht wenig erforscht sind. Das passt gut, denn ich bin auch bei der Luxemburger Physik-Olympiade dabei und dort versuchen wir gerade, ein Myonenteleskop zu bauen, eine Art Detektor für kosmische Strahlung.

Klingt hochbeschäftigt! Hast du dich schon immer für Roboter und Raumfahrt interessiert?

Léonore: Überhaupt nicht. Ich wollte Geschichtslehrerin werden. Ich fand die Sterne zwar schon immer wunderschön und mochte auch die Naturwissenschaften, fand diese Schulfächer aber kompliziert und irgendwie unzugänglich. Das änderte sich schlagartig 2023, als ich beim Wettbewerb „Astronaut for a Day“ der Luxembourg Space Agency (LSA) mitmachte. Diese Erfahrung hat mein Leben verändert!

Wie kam es denn dazu?

Léonore: Ich habe mir aus purer Neugierde die Präsentation des Wettbewerbs in meiner Schule angesehen. Den Gewinnern winkte ein Parabelflug oder „Zero-Gravity-Flight“, also ein Flug, bei dem man Schwerelosigkeit selbst erlebt. Ich war fasziniert und wollte unbedingt eines der Mädchen sein, das mitfliegt. Meine Mutter lachte: „Ausgerechnet du willst den freien Fall erleben?“ Sie kannte meine Panik bei Urlaubsflügen. Doch ich war so motiviert, dass für Flugangst kein Platz mehr war.

Ich meldete mich an, durchlief mit Hunderten von Schülern das vom realen Auswahlverfahren für Astronauten inspirierte Auswahlverfahren - Physik- und Logiktests, Sportprüfungen. Dieser Wettbewerb öffnete eine Tür in mir. Je mehr ich lernte, desto mehr wollte ich verstehen. Und ich gewann als eine von 35 Schülern den Parabelflug!

Und, wie fühlt man sich in der Schwerelosigkeit?

Léonore: Sehr leicht, ein bisschen wie ein Gespenst – als würde man nicht existieren. Das Flugzeug machte insgesamt 15 Parabelmanöver mit Schwerelosigkeitsphasen von jeweils 22 Sekunden. Wir waren 35 Schüler im Flieger, und bei jeder Schwerelosigkeit schrien alle vor Aufregung. Es war ein Fest! Man vergaß seinen Körper und musste sich dessen erst wieder bewusst werden. Sonst riskierte man, andere anzurempeln.

Einmal wusste ich nicht mehr, ob ich oben oder unten bin. Schwebt man aber an der Flugzeugdecke, fällt man danach mit doppeltem Eigengewicht, also 2G, hinunter. Zum Glück war das Flugzeuginnere komplett gepolstert, und ein Betreuer hielt mich fest. Da begriff ich, was Schwerkraft bedeutet! Da kann kein Physikbuch mithalten. Wir haben auch kleine Experimente durchgeführt, zum Beispiel kleine Wasserbeutel platzen und die Tropfen schweben lassen.

Keine Angst, keine Panik?

Léonore: Nein, gar nicht. Wir wurden von einem echten Astronauten begleitet, dem Franzosen Jean-Francois Clervoy. Er wies uns vor dem Flug ein und erklärte uns, wie wir uns fühlen würden. Deshalb waren fast alle total entspannt. Ein unvergessliches Erlebnis!

Und danach? Hat „Astronaut for a day“ deine Schullaufbahn beeinflusst?

Léonore: Schule, Berufswunsch, Freizeit - alles! Ich bin jetzt in der 11. Klasse und habe mich für die Fachrichtungen Mathematik, Physik, Chemie und NSI, also Numériques et Sciences Informatiques, entschieden. Ich habe Praktika absolviert, zum Beispiel bei der Firma iSpace, die sich auf Mondmissionen spezialisiert hat, und am Observatoire de la Côte d'Azur in Nizza. Letztes Jahr habe ich das „Brevet d’initiation aéronautique“ bestanden, ein Luftfahrt-Einführungszertifikat für Schüler. Jetzt mache ich meine Privatpilotenlizenz auf dem Findel, das darf man schon ab 16 Jahren.  Und ich habe meine Katze Sputnik und meinen jungen Hund Cosmo genannt…

Was genau hat die Parabelflug-Erfahrung in dir ausgelöst,dass du nun so für Naturwissenschaften und Raumfahrt brennst?

Léonore: Auf dem Parabelflug habe ich begriffen, wie konkret und aufregend Naturwissenschaften sein können, und was Forschung wirklich ist: nämlich Neugier, Genauigkeit und der Wunsch, die Welt zu verstehen. Das Thema Schwerkraft zum Beispiel ist weit mehr als eine Übung im Lehrbuch, die mir den Schulalltag kompliziert macht: Es ist etwas Lebendiges, aus dem Menschen wie Jean-François Clervoy ihren Beruf gemacht haben. Jetzt sehe ich einen Sinn darin.

Außerdem hatten wir Gelegenheit, Forscherinnen und Forscher zu erleben, die dank ihrer Motivation, ihrer Erfahrungen und Projekte Herausragendes leisten. Seitdem bin ich überzeugt, dass man mit Leidenschaft und Begeisterung für ein Fach fast alles erreichen kann. Das fand ich sehr inspirierend, denn es gibt mir Mut und Selbstvertrauen. Ich sage mir, auch wenn ich manchmal meine Schwierigkeiten mit Physik und Chemie habe, will ich doch lernen und mich weiter verbessern. Wenn man die Methode und den Willen hat, sind Naturwissenschaften Fächer, in denen man viele Antworten finden kann.

Und was ist dein neuer Berufswunsch?

Léonore: Ich möchte Luft- und Raumfahrtingenieurwesen studieren und als Französin als Pilotin bei der französischen Luftwaffe arbeiten, die auch eine Raumfahrtbasis hat. Zurzeit informiere ich mich über die besten Studienmöglichkeiten und Zulassungsvoraussetzungen, classes préparatoires, französische Luft- und Raumfahrtakademie. Es gibt viele Optionen!

Willst Du denn nicht Astronautin werden?

Léonore: Das ist mein Lebenstraum! Bei einem Praktikum konnte ich die junge französische Astronautin Sophie Adenot, die im Februar 2026 ins All fliegen soll, eine Woche lang im Europäischen Astronautenzentrum in Köln begleiten. Dort trainierte sie für Außenbordarbeiten, bei denen die Astronauten die Internationale Raumfahrtstation ISS verlassen, mit ihren Werkzeugen in einem Schwimmbad. Sophie Adenot war Hubschrauberpilotin bei der Armee. Viele Astronauten sind ausgebildete Piloten, Forscher oder Ingenieure. Sie riet mir, einen dieser Berufe zu erlernen, aber meinen Traum, wie sie eines Tages Astronautin zu werden, konsequent weiter zu verfolgen. Das wäre das Tüpfelchen auf dem i, doch nur sehr wenige können es schaffen und man darf dann nicht enttäuscht sein.

Léonore in ihrem "Astronaut for a Day"-Overall. 

Nicht jeder kann einen Parabelflug gewinnen. Aber die Gewinner von „Astronaut for a Day“ wurden zu Weltraum-Botschaftern, um mehr Mädchen – und natürlich auch Jungen - für Naturwissenschaften zu interessieren. Erzähle uns von deinen Aktivitäten als Botschafterin.  

Léonore: Unsere Mission war es, anderen von unseren Erfahrungen zu erzählen und sie so für Forschung, Raumfahrt und Technik zu begeistern. Schulen haben uns eingeladen, Vorträge zu halten. Seit 2023 habe ich von meinem Parabelflug berichtet, dazu  Astronauten, Vertreter von SES und der Luxembourg Space Agency eingeladen, ihre Berufe vorzustellen, ein Quizz organisiert, auf sozialen Medien gepostet.

Besonders den Mädchen habe ich versucht zu zeigen, dass Naturwissenschaften gar nicht so abstrakt sind und der Raumfahrtsektor viele Möglichkeiten bietet. Denn dort werden nicht nur Ingenieure oder Astronauten gebraucht, sondern auch Kommunikationsexperten, Informatiker, Juristen. Ich bin sehr froh, in Luxemburg zu leben, denn der Beitrag von Luxemburgs Space Sektor zur internationalen Weltraumforschung ist enorm. Und wer sich dafür interessiert, ist willkommen.

Gilt das auch für junge Frauen, oder ist der Raumfahrtsektor noch eine Männerdomäne?

Léonore: Etwa ein Drittel der „Astronauts for a Day“ 2023 waren Mädchen, und ich habe dort tolle Freundinnen gefunden. Sicher sind heute noch mehr Männer in der Raumfahrt aktiv als Frauen, aber das ändert sich gerade. Astronautinnen wie Sophie Adenot sind echte Vorbilder. Viele Schülerinnen haben nach unseren Vorträgen bei der nächsten Auflage des Wettbewerbs mitgemacht. Ich habe sogar meine beste Freundin gecoacht, und sie hat den „Astronaut for a Day“-Wettbewerb 2025 gewonnen.

Hast du einen guten Rat für andere Mädchen, die sich für Raumfahrt interessieren?

Léonore: Unterschätzt euch nicht! Seid neugierig. Nutzt jede Gelegenheit zum Lernen. Vielleicht entdeckt ihr dabei eine Leidenschaft. Die Sterne sind voller Magie, denn wir wissen erst wenig über sie. Sterne lassen uns träumen. Und genau das macht den Weltraum so spannend.

Interview: Britta Schlüter
Redaktion: Michèle Weber, Linda Wampach (FNR) 

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