Luxatlas

Martin Uhrmacher

Bild aus dem "Luxatlas"

Der Historiker Martin Uhrmacher und der Geograph Steve Kass der Universität Luxemburg haben sich im Rahmen des Forschungsprojektes Villux X zusammengeschlossen, um die Historie einer Stadt sichtbar zu machen, die in den vergangenen 200 Jahren einen enormen Wandel durchlaufen hat: Die steingewordene Geschichte Luxemburgs. Gemeinsam arbeiten die Forscher daran, für die Allgemeinheit zugängig zu machen, welche Spuren zwei Jahrhunderte Wandel im Stadtbild hinterlassen haben.

„Für einen historischen Stadtatlas eignet sich Luxemburg besonders gut“, berichtet Martin Uhrmacher. „Denn die Stadt hat weit mehr ‚Häutungen‘ durchlaufen, als andere Städte. Dortmund beispielsweise ist seit dem Mittelalter recht klein und boomt dann während der Industrialisierung. Die Entwicklung Luxemburgs ist da weitaus wechselvoller“.

Einblicke in eine bewegte Stadtgeschichte

Tatsächlich hat die Stadt in den vergangenen 200 Jahren einen enormen Wandel erlebt: Nach dem Wiener Kongress im Jahr 1815 war das Großherzogtum Luxemburg zunächst eine Provinz der Niederlande und die Stadt vergleichsweise klein und unbedeutend. 1867 wurden dann die Festungsmauern geschleift und die Hauptstadt des mittlerweile eigenständigen Landes konnte erstmals über diese Barriere hinaus ins Umland wachsen.

Später wurde Luxemburg, neben Brüssel und Straßburg, einer der drei EU-Hauptsitze und schließlich, aber den 1970er Jahren ein internationales Zentrum der Finanzindustrie. All dies manifestiert sich im Stadtbild und dessen Entwicklung, wie der digitale Atlas der Wissenschaftler eindrücklich zeigt.

Fenster in die Vergangenheit

Für den Luxatlas haben die Wissenschaftler aus vier Zeitabschnitten analoges Material digitalisiert und ausgewertet, wie Steve Kass berichtet: „Wir greifen auf vier Zeitabschnitte zurück, für die es das beste Kartenmaterial gibt, denn wir wollen eine Auflösung bis zur Einzelgebäudeebene erreichen. Man soll auf einzelne Gebäude klicken können: Dann erscheinen Infos und historische Bilder. Um an das Material zu kommen, sind wir ins National- und Stadtarchiv gegangen und haben mit dem Katasteramt, der Stadt und dem Lëtzebuerg City Museum zusammengearbeitet“.

Herausgekommen ist ein einfach zu bedienender digitaler Atlas, in dem der Nutzer das Bild der Stadt in den Jahren 1820, 1862, 1962 und 2017 vergleichen kann – gut geeignete Zeitmarken anhand derer etwa die Industrialisierung oder die Entwicklung der EU-Institutionen bestens nachvollzogen werden können.

Praktische Anwendung und Forschung

Während sich ein Blick auf den Atlas bei einem Stadtbesuch in Luxemburg ohne Zweifel lohnt, wollen Uhrmacher und Kass aber auch ein größeres Publikum erreichen und haben die Weiternutzung ihres Datenmaterials gleich von Beginn des Projekts an im Blick gehabt, wie Martin Uhrmacher berichtet: „Es war von Anfang an geplant, die Daten auch konkret nutzbar zu machen. Einer unserer Partner ist etwa die Stadtplanung in Luxemburg, die im Vorfeld von geplanten Baumaßnahmen konkret wissen möchten: Welche Gebäude befanden sich vor 200 Jahren an einer bestimmten Stelle? Und mit welchen Überresten muss man im Boden rechnen? Auch in der schulischen oder universitären Lehre kommt der Atlas zum Einsatz und im historischen Museum der Stadt. Die Lage der alten Festungsanlagen ist wiederum für den Tourismussektor sehr interessant und bei Veranstaltungen treffen wir immer wieder auf Bürger, die begeistert sind, ihr Elternhaus zu entdecken und dessen Entwicklung nachzuvollziehen“.

Der Atlas ist zugleich auch ein wichtiges Werkzeug für zukünftige Forschungen zur Stadtgeschichte. Mit seiner Hilfe können langfristige Veränderungsprozesse im Stadtbild nachgezeichnet und rekonstruiert werden: Beispielsweise Industrialisierungs- und Deindustrialisierungsprozesse, oder Veränderungen der Verkehrsinfrastruktur. So wurden im 20. Jahrhundert zunächst immer größere Flächen für den Autoverkehr und Parkplätze bereitgestellt; ein Prozess, der seit den 1980er Jahren langsam wieder zurückgedreht wird.

Abgeschlossen ist die Arbeit der Wissenschaftler noch lange nicht: So wollen sie noch weiter in die Vergangenheit zurückreichende Karten in den Atlas integrieren und an anderen Stellen zeitliche Lücken schließen. „Wir haben alte Luftbildaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg gefunden“, berichtet Steve Kass, „die wir nun verfügbar machen wollen“ – eine enorme Herausforderung, denn hierauf einzelne Gebäude zu identifizieren ist nicht leicht. Schon heute sind aber bereits historische Aufnahmen in die Karten eingebunden und bieten spannende Einblicke in das alte Stadtbild. Ein Besuch auf der Website des Atlas lohnt sich, um man darf gespannt sein, welche vergessenen Stadtmuster die Forscher noch an Tageslicht holen.

Author: Tim Haarmann
Photo: Martin Uhrmacher

Infobox

Kurzlebensläufe

Martin Uhrmacher ist Assistenzprofessor für Geschichte an der Universität Luxemburg. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Regionalgeschichte Luxemburgs, Stadtgeschichte, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, sowie historische Geographie und die Geschichte der Lepra-Krankheit. Steve Kass ist Geograph mit Schwerpunktsetzung in geographischen Informationssystemen, Geoinformatik, Fernerkundung und Raumanalyse. Auch er arbeitet am Institut für Geschichte der Universität Luxemburg.

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