Foto: Universität Luxemburg; Layout: Superblau

Ass. Prof. Inès Chihi von der Universität Luxemburg

Schon als Schülerin ging sie ihren eigenen Weg - und hörte auf ihre innere Stimme. Heute ist Inès Chihi Assistant Professor für Elektrische Messtechnik und Sensortechnik und leitet eine zwölfköpfige Forschergruppe am Department of Engineering an der Universität Luxemburg. Ihre Forschungsgruppe entwickelt Technologien für intelligente Sensore in den Bereichen Gesundheit, Energie und Industrie der Zukunft. Im Interview mit science.lu erläutert sie ihre interdisziplinäre Forschungsphilosophie und die Bedeutung von Beobachtungsgabe und Bildung in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.

Foto © Universität Luxemburg

 

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Inès Chihi: Ich bin Tunesierin und habe mein ganzes Studium, meine Promotion und meine Habilitation in Tunesien absolviert. Ich hatte nie geplant, mein Heimatland zu verlassen, und habe viele Jahre als Professorin für Elektrotechnik an der Universität von Karthago in Tunis gearbeitet. Darauf bin ich stolz. Ich bin Forscherin von Natur aus, Professorin aus Überzeugung und Mutter aus Liebe. Alle drei Bereiche sind eng miteinander verknüpft und zusammen beschreiben sie, wer ich bin.

Hatten Sie von Kindesbeinen an Interesse an Wissenschaft und Technik?

Inès Chihi: Nein. Ich war ein aktives Kind und habe immer draußen gespielt, ob Fußball oder mit Puppen. Die Schule verlief problemlos. Ich verspürte keine Leidenschaft für ein bestimmtes Fach, war aber immer sehr neugierig, habe Menschen beobachtet und versucht, von ihren Erfahrungen zu lernen. Nach dem Abitur liebäugelte ich mit dem Medizinstudium, konnte aber kein Blut sehen. Mein bestes Fach war die Mathematik, analytisches Denken lag mir offenbar. Ich liebte aber auch das konkrete, handwerkliche und künstlerische Arbeiten, malte und töpferte gern. Ich nahm mir viel Zeit für meine Entscheidung und verstand im Gespräch mit anderen, dass die Ingenieurwissenschaften das Richtige für mich waren. Denn sie führen vom abstrakt-logischen Denken zu sehr praktischen Anwendungen.  

Gab es einen entscheidenden Moment?

Inès Chihi: Ja, die letzten Monate vor dem Abitur. Ich fühlte mich total unter Druck. Ständig fragte jemand in der Familie, wie viele Mathe-Aufgaben ich heute erledigt und ob ich auch genug gebüffelt hätte. Irgendwann wurde es mir zu viel. Ich weigerte mich, weiter ins Lycée zu gehen, und bereitete mich allein zuhause auf die Prüfungen vor. Das war natürlich eine bizarre Aktion, Lehrer und Familie waren besorgt. Doch siehe da, ich absolvierte mein Abitur mit guten Resultaten. Vor lauter Erleichterung besuchte uns mein Lehrer zuhause. Für mich war das die Lektion meines Lebens: Höre auf dich selbst! Diese Erfahrung hat mir später im Beruf und im Leben sehr geholfen.

Wieso machte die Familie denn so viel Druck?

Inès Chihi: Tunesien ist seit der Revolution 2011, besser bekannt als Arabischer Frühling, durch diverse wirtschaftliche und politische Krisen gegangen. Das einzige, was wir gewonnen haben, ist die Bildung. Der gesellschaftliche Stellenwert einer guten Ausbildung ist noch weiter gestiegen. Tunesische Eltern sind bereit, ihr Haus zu verkaufen, um das Studium der Kinder zu bezahlen und ihnen Zukunft durch Bildung zu ermöglichen. Entsprechend hoher Druck lastet auf jungen Menschen, auf Frauen fast noch mehr als auf Männern. Meine Großmutter war kategorisch. Eine Ausbildung oder ein Examen hinzuwerfen, kam für sie nicht in Frage. Sie sagte: Du hältst durch bis zum Schluss, und fertig.

Wie haben Sie die ersten Semester in einem Fach erlebt, das noch als Männerdomäne gilt?

Inès Chihi: In den Vorlesungen der Ingenieurwissenschaften saßen fast nur Männer. Meine beste Freundin war konsterniert und riet mir dringend von dem Fach ab. Doch ich ging einfach in die Vorlesung und danach wieder nach Hause, wo ich meine Freundinnen hatte, und lernte sehr autonom. Anfangs nahmen mich die Professoren nicht ernst, aber mit der Zeit konnten meine Noten sie überzeugen. Nach der Maîtrise stellte ich mich bei Firmen vor. In Tunesien muss jeder Geld verdienen, und die Regierung fördert die Idee der Unabhängigkeit von Frauen sehr. Ich wollte aber noch ein zweites Masterstudium dranhängen. Eine Firma bot mir eine Stelle als Projektleiterin an, mit zwei freien Tagen pro Woche für das Studium. So konnte ich parallel zum Job den Master abschließen.

Wieso haben Sie sich schließlich für die Forschung entschieden?

Inès Chihi: Der Professor, der meine Masterarbeit betreute, meinte, ich sei für die Forschung gemacht. Ich absolvierte ein Forschungspraktikum und gab ihm recht: Forschung war und ist meine Leidenschaft. Mich fasziniert, dass sie so durchlässig und ganzheitlich ist. Die grossen wissenschaftlichen Fragen benötigen oft einen interdisziplinären Ansatz. Als Elektroingenieurin muss ich offen für andere Disziplinen sein – für Mechanik, Computer Science, ja sogar für Psychologie. Ich habe einen Sinn für Innovation und will mit Neugier und einem frischen Blick an technische Herausforderungen herangehen. Ich habe dann 2013 nach nur zweieinhalb Jahren promoviert, nebenbei unterrichtet und festgestellt, dass mir auch die Lehre und der Kontakt zu Studierenden große Freude bereiten.

Wer hat Sie in dieser Karriere unterstützt?

Inès Chihi: Meinen Eltern war Bildung heilig und sie haben mich in meiner ganzen Laufbahn unterstützt. Auch meine Schwiegereltern helfen mir sehr. Als ich während des Doktorats einen Vortrag halten musste, kam meine Schwiegermutter mit und kümmerte sich ums Baby. Auch mein Ehemann hat mich oft auf Konferenzen begleitet und dann die Kinder betreut.

Und was brachte Sie nach Luxemburg?

Inès Chihi: Der Zufall, wie so vieles im Leben. Nach der Revolution wollte ich, mittlerweile verheiratet und mit zwei Kindern, das Land verlassen und nach Kanada auswandern. Dann kam die Pandemie. Ein Kollege schrieb mir, die Universität Luxemburg suche dringend einen Dozenten, der Elektronik unterrichten könne – und so kam ich an einen Jahresvertrag in Luxemburg. Dann schrieb die Uni eine Assistenzprofessur in Elektroingenieurwissenschaften aus. Viele entmutigten mich – als Frau, noch dazu aus Afrika, hätte ich keine Chance. Viele unterschätzen auch das Niveau der Universitäten in Tunesien. Da dachte ich an meine Abitur-Erfahrung: Höre nicht auf andere, du kennst deine Qualitäten.

Ich bewarb mich und bin nun seit 2022 Assistant Professor für Elektrische Messtechnik und Sensortechnik am Department of Engineering. Dort leite ich das Labor für Advanced Engineering and Smart Sensors Solutions (AE3S), eine zwölfköpfige Forschungsgruppe, und bin seit 2024 auch Studiengangsleiterin für zwei Master in Ingenieurwissenschaften.

Woran arbeitet Ihr Team gerade?

Inès Chihi: Wir entwerfen und entwickeln intelligente Sensoren der nächsten Generation für die Biotechnik und das Gesundheitswesen, für Energiesysteme und die Industrie 5.0. In einem aktuellen Projekt arbeiten wir an Sensoren für smarte Prothesen, die Menschen nicht nur einfache Bewegungen ermöglichen, sondern auch komplexe Muskelaktivitäten reproduzieren wie bei der Handschrift. In einer Zusammenarbeit mit dem Kings College in Großbritannien planen wir, für Krankenhäuser in ärmeren Ländern ein kostengünstiges kleines Gerät zu entwickeln, das mit möglichst wenig Sensoren möglichst viele Gesundheitsdaten eines Patienten erfassen kann.

Was sind die Herausforderungen in ihrem Bereich?

Inès Chihi: Viele Menschen denken beim Stichwort Sensoren, es gehe um abstrakte Technik. Doch es geht um praktische Anwendungen, die uns allen nützen. Wichtig ist, zunächst die Prioritäten des Landes und Europas zu verstehen, und dann die richtigen Fragen zu stellen.

Eine Herausforderung bei Sensoren ist auch die Verlässlichkeit der Daten, die diese liefern. Wir arbeiten an „selbstheilenden“ Sensoren, die Daten selbst korrigieren. Nehmen Sie ein Alltagsprodukt wie Nudeln: Energie macht über 50 Prozent der Produktionskosten aus. Gelingt es uns, diese Energiekosten durch selbstheilende Sensoren im Produktionsprozess um 20 Prozent zu senken, liegt der Vorteil auf der Hand.

Bleibt Ihnen dennoch ein bisschen Freizeit?

Inès Chihi: Als Vollzeit arbeitende Mutter von zwei Jungen, 11 und 14 Jahre alt, eher wenig. Wenn eine Deadline für ein Forschungspaper naht, stehe ich auch am Wochenende sehr früh auf, wenn die Kinder noch schlafen, um mein Paper zu schreiben. Zu meinem Hobby, der Malerei, komme ich kaum noch. Aber ich habe in Europa Skifahren gelernt, gehe gern wandern, und im Sommer muss ich ans Meer, um meine Batterien aufzuladen. Wir sind sehr glücklich in Luxemburg, fühlen uns gut integriert, und unsere Söhne auch.

Was raten Sie jungen Frauen, die sich für Wissenschaft interessieren?

Inès Chihi: Schülerinnen schauen mich oft mit großen Augen an, wenn ich den Klassensaal betrete und von meinem Job erzähle. Denn sie meinen, als Frau in einem technischen Fach müsse man auch wie ein Mann aussehen… Dann lache ich und versichere ihnen: Auch als Ingenieurin kann man sich schminken und anziehen, wie man möchte. Vor allem aber rate ich ihnen, scharf zu beobachten. Beobachtet andere Menschen und lernt von ihnen. Wieso ist der eine optimistisch, der andere griesgrämig? Wieso meistert dieser einen Rückschlag, und der andere nicht?

Findet dann heraus, was eure Stärken sind, und welches Fach zu euch passt. Entscheidet und falls nötig, entscheidet euch um - ihr habt Zeit genug. Traut euch, euren eigenen Weg zu gehen. Lasst euch nicht in Schubladen stecken. Ich bin erst einmal Mensch, bevor ich Frau bin. In Forschungskarrieren spielt das Geschlecht keine große Rolle. Klar werdet ihr auf Probleme und Hindernisse treffen. Aber betrachtet sie als Herausforderungen. Die Hindernisse sind Teil des Weges, aber sie erlauben euch weiter zu kommen und zu erneuern.  

Interview: Britta Schlüter
Redaktion: Michèle Weber (FNR)

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