Foto: Ludivine Martin/LISER; Layout: Superblau

Ludivine Martin vom Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER)

Ludivine Martin arbeitet seit 2009 als Research Scientist am Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER).

Wie und warum sind Sie zur Forschung und zu den Sozialwissenschaften gekommen?

Ludivine Martin: Meine Forschungsreise hat mit einer unstillbaren Neugier und einer Reihe intellektueller Auseinandersetzungen begonnen, die meine Karriere nach und nach geprägt haben. Als ich mit dem Studium begann, wollte ich eigentlich in Richtung Journalismus gehen, weil ich gern Geschichten erzählen und die Welt um mich herum verstehen wollte. Dann war ich jedoch fasziniert von der Klarheit der Zahlen und ihrer Fähigkeit, verborgene Realitäten sichtbar zu machen, und habe überlegt, Statistikerin zu werden. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung von echter Forschung.

Erst durch Vorlesungen, Lektüre und Gespräche mit in der Forschung tätigen Dozenten habe ich im Laufe der Jahre die Welt der Sozialwissenschaften für mich entdeckt. Ich habe gemerkt, dass Forschung genau das vereint, was mich am meisten motiviert: eine streng wissenschaftliche Datenanalyse, das Verständnis menschlicher und sozialer Dynamiken und der Beitrag zu Debatten, die unsere Gesellschaft prägen.

Wie sieht Ihre Arbeit heute aus?

Ludivine Martin: Mein Forschungsinteresse bezieht sich darauf, wie der digitale Wandel das Personalmanagement am Arbeitsplatz beeinflusst. Bislang untersuche ich, wie sich diese Faktoren auf die Qualität des Arbeitsplatzes, die Zufriedenheit, die Motivation, die Produktivität und das Wohlbefinden bei der Arbeit sowie die digitalen Kompetenzen auswirken.

Mittelfristig wollen wir eine Reihe von Indikatoren entwickeln, um den Arbeitskräftemangel und die Qualifikationsdefizite auf den europäischen Arbeitsmärkten im Zusammenspiel mit dem digitalen Wandel zu analysieren. Außerdem werden wir uns mit den Auswirkungen der hybriden Arbeitsumgebung auf den Fachkräftemangel, die digitalen Kompetenzen der Angestellten, ihre Leistung und ihr Wohlbefinden beschäftigen.

Ziel ist es, Strategien zu entwickeln, mit denen sich die Angestellten auf die Veränderungen einstellen können, egal ob sie im Büro oder im Homeoffice arbeiten.

Warum ist Ihre Arbeit für die Gesellschaft so wichtig?

Ludivine Martin: Unsere gesamte Forschung an luxemburgischen oder europäischen Daten kommt Unternehmen wie Angestellten gleichermaßen zugute, weil sie Einblicke bietet, die für den Erfolg auf einem digitalisierten Arbeitsmarkt von Bedeutung sind. Ein Beispiel ist die im Rahmen des Projekts LOWSKIM, das über das BRIDGES-Programm des Luxembourg National Research Fund (FNR) gefördert wird, durchgeführte Forschung zu den von Arbeitgebern geforderten digitalen Kompetenzen. Sie ist für Angestellte und Arbeitssuchende von Nutzen, die wissen möchten, über welche digitalen Kompetenzen sie verfügen sollten.

Welche Herausforderungen stellen sich?

Ludivine Martin: Es ist schwierig festzustellen, inwieweit die sozialwissenschaftlichen Forschungsergebnisse meiner Kollegen und von mir das Verhalten von Angestellten oder Unternehmen beeinflussen. Das liegt daran, dass wir unsere Forschungsergebnisse nicht patentieren lassen können.

Dennoch sind wir bestrebt, Informationen an die Wissenschaft und die breite Öffentlichkeit weiterzugeben. Zu den Themen gehören der optimale Einsatz digitaler Tools für die Produktivität und das Wohlbefinden der Angestellten während und nach der Arbeitszeit. 

Was würden Sie jungen Mädchen, die sich für Wissenschaften interessieren, mitgeben? Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich gerne sagen?

Ludivine Martin: Setzt euch keine Grenzen und habt den Mut, Neues zu entdecken! Die Welt der Wissenschaft ist voller unbekannter Wege, von den Sozialwissenschaften bis hin zur Quantenphysik. Probiert Dinge aus, experimentiert und lasst euch von dem leiten, was euch fasziniert. Habt keine Angst vor Umwegen!

Setzt auf Querschnittskompetenzen: Wer viel liest, in der Lage ist, Dinge in einfachen Worten zu erklären, und Ahnung von Forschungsethik hat, kann unabhängig arbeiten. Diese Kompetenzen sind euer Kapital, egal in welchem Bereich.

Meinem jüngeren Ich würde ich Folgendes sagen: „Ich sehe, dass du zwischen Journalismus, Statistik und dem Bedürfnis, die Welt zu verstehen, schwankst. Diese Bereiche sind nicht unvereinbar, im Gegenteil, sie sind Puzzleteile, die zusammengehören. Hör nicht auf zu lesen, Fragen zu stellen und dir selbst zu vertrauen. Wissenschaft ist kein Elfenbeinturm, sondern eine Baustelle, an der jeder mitarbeiten kann. Du kannst dort etwas aufbauen.“

Anmerkung: Einige der Fragen und Antworten in diesem Artikel wurden ursprünglich als Teil einer Reihe von Artikeln und Videos anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Luxembourg National Research Fund (FNR) veröffentlicht. Sie können sich das Video auf dem YouTube-Kanal des FNR ansehen. Den Artikel finden Sie auf der Internetseite des FNR.

Autorinnen: Ludivine Martin (LISER), Emily Iversen (FNR)
Redaktion: Michèle Weber (FNR)
Übersetzung: Nadia Taouil (www.t9n.lu)

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