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Die Isolation aufgrund der Pandemie ist für viele Menschen belastend.

Aus früheren Forschungen weiß man, dass soziale Isolation infolge von Präventionsmaßnahmen einen erheblichen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat. Unklar war bislang allerdings, welche Faktoren das Ausmaß einer solchen psychischen Belastung vorhersagen. Welche Rolle spielen Faktoren wie Persönlichkeit, Resilienz oder die Angst um die eigene Gesundheit im Umgang mit der Situation? Welche Auswirkungen haben sozioökonomische und demografische Merkmale wie Wohnsituation, Lebensbedingungen, Bildung, wirtschaftlicher Status oder aber die Familienzusammensetzung auf die gesundheitlichen Folgen während der Isolation?

Forscher der Universität Luxemburg wollten das herausfinden und haben deshalb in Teams unter der Leitung der Professorin für Wirtschaft Conchita d’Ambrosio und des Professors für Gesundheitspsychologie Claus Vögele die Längsschnittstudie COME-HERE (COVID-19, MEntal HEalth, REsilience and Self-REgulation) gestartet. Dazu wurden Teilnehmer aus Luxemburg, den Nachbarländern Frankreich, Belgien und Deutschland sowie Italien, Spanien und Schweden befragt. Die erste Befragungsrunde mit rund 200 Fragen und 1007 Teilnehmern war in den Monaten April und Mai 2000, also während des ersten Lockdowns. Die zweite Runde folgte im Juli und August (782 Teilnehmer) und die dritte und bislang letzte im Oktober und November (541 Teilnehmer).

Professor Vögele, was sind bislang die wesentlichen Ergebnisse der Studie?

Viele Untersuchungen, unsere eigene, international durchgeführte Studie miteingeschlossen, zeigen, dass über die vergangenen zwölf Monate Einsamkeitsgefühle, depressive Verstimmungen, Ängste, Stress und ungesündere Verhaltensweisen, wie zum Beispiel falsche Ernährung und körperliche Inaktivität, zugenommen haben. Das ist erst mal nicht überraschend, denn wir erleben gerade eine globale Krise, die unser soziales Miteinander im Mark erschüttert. Gerade in Krisenzeiten ist eines der Grundbedürfnisse von Menschen zusammenzurücken, um sich gegenseitig zu stützen.

Genau das wird uns durch die sozialen Distanzierungsmaßnahmen so gut wie unmöglich gemacht, wenngleich diese natürlich außer der Impfung die einzige Maßnahme darstellen, die das Infektionsgeschehen einigermaßen im Zaum hält. Auch wenn wir uns glücklich schätzen können, dass wir über digitale Kommunikationsplattformen auch anders in Kontakt treten können, so sind diese Methoden natürlich nur ein unvollständiger Ersatz für den direkten Kontakt in körperlicher Präsenz.

Inwieweit haben sich die Angaben zum Wohlbefinden seit der ersten Befragung verändert?

Die Angaben zu Stress, Einsamkeit, Angst und Depressivität sind bemerkenswert stabil, auch wenn sich die Gründe geändert haben mögen. Ein relevanter Effekt betrifft Geschlechterunterschiede: Die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern scheinen sich während der Pandemie verschärft zu haben, da Frauen überproportional für den Großteil der unbezahlten Aufgaben, einschließlich Kinderbetreuung und Hausarbeit, verantwortlich sind, während sie gleichzeitig ihren Aufgaben im Berufsleben nachkommen müssen. Während des ersten Lockdowns im März und April haben Frauen im Durchschnitt zwei Stunden mehr für die Kinderbetreuung und eine Stunde mehr für die Hausarbeit pro Tag aufgewendet als normalerweise. Diese Unterschiede sind statistisch signifikant. 

Für Frauen ist die Situation also insgesamt schwieriger?

Ja, durchaus. Frauen erlebten ein höheres Maß an Stress als Männer, ein höheres Maß an depressiven Symptomen als Männer, ein höheres Maß an Angstsymptomen als Männer und empfanden ein höheres Maß an Einsamkeit als Männer. Die Unterschiede bleiben während des gesamten Erhebungszeitraums bestehen. Obwohl das Stress- und Einsamkeitsniveau während der Sommerperiode abnahm, also zu einer Zeit, in der die Begrenzungsmaßnahmen relativ gelockert waren, drücken Frauen nach wie vor ein höheres Unbehagen aus als Männer. Auch diese Unterschiede sind statistisch signifikant.

Die Geschlechterunterschiede waren schon vorher da, kamen aber genau wie viele andere Ungleichheiten durch die Pandemie noch starker zum Vorschein. Letztendlich birgt das aber auch eine Chance, weil wir die Probleme jetzt nicht mehr einfach so ignorieren können.

Was unterscheidet die Situation in Luxemburg von der in den anderen Ländern der Studie?

Wir finden in Luxemburg hohe Stress- und Einsamkeitswerte bei einer relativ guten Stabilität der wirtschaftlichen Bedingungen. Das ist bemerkenswert anders als etwa in Spanien und Italien. In diesen Ländern zeigen sich teilweise niedrigere Stresswerte bei gleichzeitig sehr viel höheren wirtschaftlichen Risiken, wie beispielsweise die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes oder aber die eines geringeren Einkommens.

Und woran liegt das?

Nun, das ist immer einer Frage des Referenzpunktes, den man sich in der Regel in der Vergangenheit sucht. Die persönliche Situation wird also mit der vor der Pandemie verglichen. Zudem haben wir Menschen die Tendenz, unsere Situation immer mit der des Umfeldes zu vergleichen Geht es anderen besser als uns, fühlen wir uns schlechter. Dass es Menschen auf der Welt gibt, die unter der Covid-19-Krise deutlich mehr leiden, wird dabei womöglich ein Stück weit ausgeblendet. Letztendlich ist es auch das berühmte Jammern auf hohem Niveau.

Und kritisiert werden dabei dann auch gerne die politisch Verantwortlichen. Was können diese aus den bisherigen Erkenntnissen der Studie mitnehmen?

Aus meiner Perspektive ist die Kommunikation über die Sinnhaftigkeit der Lock-Down-Maßnahmen verbesserungsfähig. Darin unterscheidet sich Luxemburg im Übrigen nicht von anderen Ländern in Mitteleuropa, wie beispielsweise Deutschland. Die gegenwärtigen Maßnahmen der Regierung sind wesentlich von bürokratischen Überlegungen und Prinzipien der Gerichtsfestigkeit geprägt. Die rechtliche Grundlage ist wichtig, doch werden dabei wichtige psychologische Mechanismen, die die Akzeptanz und Umsetzung von Maßnahmen bestimmen, leider vernachlässigt.

Der psychologische Ansatz kommt also zu kurz?

Ich denke schon. In der öffentlichen Diskussion über die Corona-Maßnahmen der Regierung wird zum Beispiel immer wieder deutlich, dass in der Bevölkerung Unsicherheit existiert hinsichtlich der tatsächlichen Gefährdungslage sowie mit Blick auf die Frage, was jeder tun sollte. Studien zeigen, dass ein Großteil der Menschen wissenschaftlichen Befunden durchaus vertraut. Für die aktuelle Situation brauchen die Menschen allerdings noch mehr. Sie brauchen psychologische Kontrolle, das heißt: nachvollziehbare Begründungen für politische Entscheidungen, klare Verhaltensregeln, die die Möglichkeit bieten, Dinge beeinflussen zu können, und eine zeitliche Perspektive für die Verhaltensänderungen. Ich würde mir wünschen, dass die Politik nicht nur auf den Rat der Mediziner hört, sondern auch andere Wissenschaftler mit einbezieht.

Sind weitere Befragungen vorgesehen?

Wir haben für 2021 mindestens drei bis vier weitere Erhebungswellen geplant. Ein Vorbehalt zu unseren bisherigen Ergebnissen betrifft die Tatsache, dass die COME-HERE-Stichprobe keine national repräsentative Stichprobe ist und die Ergebnisse daher mit Vorsicht interpretiert werden müssen. Wir sind dabei, dieses Problem in den nächsten Erhebungswellen, die repräsentativ sein werden, zu beheben. Wenn wir fertig sind, haben wir dann Daten über einen Zeitraum von gut zwei Jahren.

Das klingt, als sei eine Ausnahmesituation wie diese zumindest für die Forschung ein Segen?

Ja, durchaus. Der Unterschied zu anderen Studien ist, dass wir den Ablauf nicht beeinflussen, sondern nur beobachten können. Aber gerade das macht es auch so spannend.

Interview: Uwe Hentschel
Editor: Michèle Weber, Jean-Paul Bertemes (FNR)

 

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