(C) University of Luxembourg

Pascale Engel de Abreu betrachtet Mehrsprachigkeit von der kognitionspsychologischen Seite. Das bedeutet verkürzt gesagt: Sie nimmt die Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeit von Menschen unter die Lupe und untersucht, wie schnell die darauf aufbauenden exekutiven Fähigkeiten einsetzen – also Umsetzung bzw. Aktion, die der jeweiligen Herausforderung entspricht.  

Regelmäßiges Training ist angesagt

„Sprachen lernen ist eine kognitive, sie anzuwenden eine exekutive Fähigkeit“, erläutert die Luxemburger Psychologin, die nach einigen Jahren in Großbritannien seit nunmehr vier Jahren an ihrer „Heimatuniversität“ lehrt und forscht, die Zusammenhänge: „In der Psychologie wissen wir mittlerweile zudem, dass ein vielseitiger Umgang mit Sprachen auch andere Lern- und Anwendungsprozesse begünstigt.“

Letzteres sei logisch, denn der Ort im Körper, an dem dies alles stattfindet, ist das Gehirn, und das sei wie ein Muskel zu betrachten: „Durch Training wird unser Gehirn leistungsfähiger, wobei das Verwenden mehrerer Sprachen die perfekte Übung ist, um das Gehirn auch für andere Aufgaben zu stimulieren.“ Wie beim Muskelaufbau sei regelmäßiges Training, sprich: gelebte Mehrsprachigkeit gefragt. 

Luxemburg – ein Alltags-Versuchslabor

Solche Mehrsprachigkeit ist in Luxemburg eine Realität, weshalb Pascale Engel de Abreu das Land auch als eine Art Alltags-Versuchslabor sieht. Ein Fokus ihrer Arbeit liegt dabei auf portugiesischen Kindern: Im September 2014 startete das vom FNR mit finanzierte Projekt POLILux, das zum Ziel hat heraus zu finden, inwieweit gezielte Förderung der Muttersprache portugiesischen Mädchen und Jungen generell beim Sprachenlernen hilft (siehe Infobox)

Dass solche Projekte heute möglich sind, ist laut Pascale Engel de Abreu die Folge eines Umdenkprozesses, der erst in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingesetzt hat. Habe bis dahin noch der Glaubenssatz gegolten, dass die Verwendung mehrerer Sprachen einem Kind schade, so hätten vor allem Studien aus Kanada dieses verkrustete Weltbild nachhaltig auf den Kopf gestellt.

Positive Effekte bis ins hohe Alter

Testergebnisse, die lange Zeit als unumstößlich galten, seien seinerzeit ad absurdum geführt worden, so die Psychologieprofessorin: „Man glaubte zum Beispiel vor 50 Jahren, Belege dafür gefunden zu haben, dass Zweisprachigkeit Kinder in ihrer intellektuellen Entwicklung behindere.“ Entsprechende Resultate seien jedoch zustande gekommen, weil die meisten Studien – gewollt oder nicht – methodisch nicht richtig waren.

So wurden zweisprachige Kinder aus ärmeren Verhältnissen mit monolingualen Kindern aus reichen Familien verglichen und zweisprachige Kinder nicht in ihrer ersten Sprache getestet. Heute sei ein offener entspannter Umgang mit dem Thema Mehrsprachigkeit möglich, und der führe zu überraschenden Ergebnissen und auch zu guten Neuigkeiten, so Pascale Engel de Abreu: „Mehrsprachige Menschen sind im Alter immuner gegen Demenz.“

Autor: Sven Hauser
Foto 
© University of Luxembourg

Infobox

Aktuelle Forschung – POLILux setzt bei der Muttersprache an

 

Das Forschungsprogramms POLIlux wird bewusst die Sprachfähigkeiten von zufällig ausgewählten portugiesischen Vorschul-Kindern in ihrer Muttersprache fördern. Das auf drei Jahre angelegte Projekt baut auf dem Vorgängerprogramm DEVPOlux auf – an dem Pascale Engel de Abreu ebenfalls beteiligt war – und auf der Annahme, dass Muttersprachekompetenz zu einer allgemein höheren Sprachkompetenz führt.

 

 

Auch interessant

My research in 90 seconds Schreiben in einer Fremdsprache – Schwierigkeit oder Chance?

Ist Mehrsprachigkeit mehr Herausforderung oder kann sie Quelle für Erfolg und Weiterentwicklung sein? Damit befasst sic...

Sprache beeinflusst mathematische Prozesse Das mehrsprachige Gehirn rechnet anders je nach Sprache

Das mehrsprachige Gehirn rechnet je nach angewendeter Sprache anders. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der...

Spezifesch Sproochentwécklungsstéierung (SSES) Wat as eng SSES a wat si Problemer bei der Diagnose?

LEARN erklärt eis wat eng spezifesch Sproochentwécklungsstéierung (SSES) as, wéi se diagnostizéiert gëtt a wat d’Ursaac...

Auch in dieser Rubrik

Psychische Gesundheit Auswirkungen von Widrigkeiten in der Kindheit auf die psychische Gesundheit im späteren Leben

Neue Erkenntnisse über die Auswirkungen einer Trennung der Eltern oder einer Adoption auf die psychische Gesundheit zeigen deutlich, wie wichtig es ist, betroffenen Kindern Hilfe anzubieten.

Projekt COVID-Kids Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden von Kindern im Schatten der Pandemie

Mit den Veränderungen aufgrund der Corona-Pandemie haben Kinder und Jugendliche besonders zu kämpfen. Das Projekt COVID-Kids hat sich mit den Auswirkungen während der ersten Welle befasst.

FNR Awards 2020 Für Videos über die Umsetzung von mehrsprachiger Pädagogik in der frühen Kindheit

Claudine Kirsch und Simone Mortini von der Universität Luxemburg erhalten einen Preis für eine Innovation, die auf herausragender Forschung basiert.

psychologische auswirkungen
COVID-19-STUDIE Was sind die psychologischen Auswirkungen vom “Social Distancing”?

​​​​​​​Nimm an dieser Studie teil und hilf Forschern die Auswirkung der Corona-Krise auf die Psyche der Bevölkerung in Luxemburg und den Nachbarländern besser zu verstehen.