© Uwe Hentschel

Kaum ein anderer militärischer Großverband genießt einen derart zwiespältigen Ruf wie die Französische Fremdenlegion. 1831 gegründet, diente sie zunächst der Eroberung und Absicherung französischer Kolonien in Frankreich. Inzwischen wird die Legion weltweit dort eingesetzt, wo der französische Staat seine Interessen militärisch wahrt oder verteidigt. Das Offizierskorps der Legion besteht zwar seit jeher grundsätzlich aus Franzosen, doch wurden bis Ende des Zweiten Weltkriegs zeitweise auch Offiziere mit ausländischen Patenten aufgenommen. Eine Kooperation zwischen dem Museum Dräi Eechelen und dem Luxemburger Zentrum für zeitgenössische und digitale Geschichte (C²DH) der Universität Luxemburg wirft einen Blick auf die Geschichte luxemburgischer Fremdenlegionäre bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die Ausstellung, die noch bis Ende November läuft, umfasst dabei die neuesten Forschungsergebnisse zu diesem Thema. Zusammengetragen wurden diese am C²DH von Sandra Camarda, Denis Scuto und Arnaud Sauer.

Arnaud, was genau steht im Fokus der Ausstellung über die luxemburgischen Fremdenlegionäre?

Es handelt sich bei den Legionären um eine relativ unbekannte Episode der luxemburgischen Geschichte, die wenig erforscht ist und die wir mit neuen Augen betrachten wollten. Darüber hinaus will die Ausstellung die individuellen Lebenswege dieser Männer aus einer mikrohistorischen Perspektive nachzeichnen. Es geht dabei insbesondere um ihre Migrationswege nach Frankreich - eine Abwanderung, die sich nach dem Ersten Weltkrieg erheblich abschwächen sollte. Letztendlich wollten wir auch den offiziellen und nationalen Diskurs, der sich nach dem Ersten Weltkrieg um dieses Thema herum entwickelte, dekonstruieren, um zu den Tatsachen zurückzukehren.

In der Erinnerungskultur der Luxemburger Bevölkerung wird die Zeit des Ersten Weltkriegs oft ausgeblendet, da der Widerstand gegen die deutsche Besatzung im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg eher gering war. Gilt diese verklärte Sicht auf die Ereignisse von 1914 bis 1918 also auch für die luxemburgischen Fremdenlegionäre?

Die Legionäre - aber auch andere luxemburgische Freiwillige in der belgischen, britischen und amerikanischen Armee - wurden nach dem Ersten Weltkrieg von der Regierung wieder zurück ins Land geholt. Und auch wenn deren Anteil am Sieg eher bescheiden war, so half das spontane Engagement dieser Luxemburger, sich auf der Seite der Sieger zu positionieren.  Die Zahl von 3000 oder sogar 6000 Luxemburgern, die sich während des Ersten Weltkriegs der Fremdenlegion angeschlossen haben sollen, scheint aus heutiger Sicht jedoch völlig übertrieben. Diese Zahlen kursierten nach Kriegsende, wurden von Veteranen, der luxemburgischen Regierung und der Presse übereinstimmend wiederholt, und die französische Regierung hat sich nie bemüht, diese offensichtlich falschen Zahlen zu dementieren. Nach unseren jüngsten Recherchen traten tatsächlich etwa tausend Luxemburger während des Krieges in die Fremdenlegion ein. Wobei ein Großteil von ihnen die französische Staatsbürgerschaft beantragte und diese dann auch durch den militärischen Einsatz erhielt.

Was motivierte die Männer damals, der Fremdenlegion beizutreten?

Man muss wissen, dass das luxemburgische Engagement Teil einer Massenbewegung war, die die gesamte in Frankreich lebende Bevölkerung betraf – sowohl die Ausländer als auch die Franzosen. Und ähnlich mobilisierten sich auch Ausländer anderer Nationalitäten wie zum Beispiel Italiener, Belgier, Schweizer, Griechen und Polen. In den Arbeitervierteln im Osten von Paris, wo sich die Luxemburger aus der Hauptstadt konzentrierten, wurden Plakate aufgehängt, die die Luxemburger zum Dienst am Vaterland und an Frankreich aufforderten. Für viele der luxemburgischen Freiwilligen galt Frankreich als ihre Wahlheimat. Viele von ihnen hatten auch eine ganz besondere Beziehung zum Nachbarland, weil sie dort zu Schule gingen oder sogar dort geboren wurden.  

Inwieweit wurden die Erwartungen dieser Männer dann womöglich enttäuscht?

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, konnte niemand ahnen, dass er so lange dauern und so gewalttätig und tödlich sein würde. Bereits zu Beginn des Krieges wurde Luxemburg überfallen und der deutsche Vorstoß drohte, auch Frankreich zu verschlingen. Angesichts dieser Gefahr mobilisierte sich die gesamte Gesellschaft. Franzosen und Ausländer, die in Frankreich lebten und den gleichen Alltag teilten, wurden vom gleichen Kampffieber erfasst. Niemand, egal ob Franzose oder Ausländer, schien sich dieser moralischen Verpflichtung im Land entziehen zu können, ohne eine Stigmatisierung zu befürchten. Der soziale Druck war also groß.

Erstaunlich ist die Zahl der Luxemburger, die sich in den ersten Kriegsmonaten unverbindlich und vielleicht aus einer Laune heraus meldeten. Gleichzeitig gab es aber auch luxemburgische Legionäre, die Berufssoldaten waren und bereits vor dem Krieg mehrere Verträge mit der Fremdenlegion abgeschlossen und in Algerien, Marokko, Tonkin und Schwarzafrika gedient hatten. Durch ihren militärischen Einsatz hatten sie die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Entsprechend groß war die Enttäuschung, als die jungen ausländischen Freiwilligen von 1914 erfuhren, dass sie nicht an der Seite ihrer französischen Kameraden dienen würden. Die Fremdenlegion war das einzige Korps, das Ausländer aufnehmen konnte. Die ungewohnt militärische Härte dieses Verbands und der Schrecken des Krieges waren für diese jungen Rekruten sehr einschneidende Erlebnisse.

Welches Ansehen hatte die Fremdenlegion in Luxemburg zu dieser Zeit?

Das Ansehen der Fremdenlegion in Luxemburg, aber auch anderswo, war schon immer zwiespältig. Die Legion vermittelte sowohl Bilder von Abenteuer als auch von Gewalt, von Exotik und Leid, von Ruhm und Angst. Es ist auch so, dass in Luxemburg die deutsche Propaganda gegen die Fremdenlegion zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht dazu beigetragen hat, ein sehr positives Bild zu vermitteln. Trotzdem übte die Fremdenlegion eine gewisse Anziehungskraft auf viele junge Menschen aus, die aus dem einen oder anderen Grund das Land verlassen wollen. Viele arme oder arbeitslose Jugendliche, Straftäter und Außenseiter, aber auch Menschen, die ihren Horizont erweitern wollten, waren bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts diesem Verband beigetreten.

Man muss allerdings unterscheiden zwischen den Luxemburgern der alten Legion, die manchmal lange vor dem Ersten Weltkrieg einberufen wurden, und denjenigen, die für die Dauer des Krieges im Einsatz waren. Die Beweggründe und Umstände waren nicht dieselben. Man meldete sich 1914 nicht wegen des Soldes, um das Land zu sehen oder um Karriere zu machen, sondern um die deutsche Aggression zu bekämpfen, um auf die Invasion Luxemburgs zu reagieren, das von der Annexion bedroht war, oder um die eigene Wahlheimat zu verteidigen. Die jungen Männer hatten meist keine militärische Vorbildung und lernten die Härte der Fremdenlegion während ihrer beschleunigten militärischen Ausbildung kennen. Als Elitetruppe wurde die Fremdenlegion an alle Fronten geschickt und war oft mitten in den entscheidenden Schlachten, was diese jungen Rekruten zu vollwertigen Legionären machte. Die Verbundenheit dieser Freiwilligen mit der Fremdenlegion und mit Frankreich für die Dauer des Krieges wurde nach dem Krieg auch bei vielen Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht.

Zurück in ihrer Heimat waren diese Männer also Helden…

Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg galten diese Männer in Luxemburg in der Tat als Helden, da sie ihr Land während des Krieges ehrenvoll vertreten hatten. Diese Männer, die zu Symbolen des luxemburgischen Widerstands geworden waren, wurden vom luxemburgischen Staat aber gewissermaßen auch manipuliert. Eine konkrete offizielle Anerkennung wie etwa Beschäftigung, Beihilfen, Renten oder Rechte haben diese Männer nämlich nie erhalten.

Interview: Uwe Hentschel

Fotos: Uwe Hentschel

Infobox

Légionnaires-Rallye

Für Besucher der Ausstellung steht als Ergänzung auch noch die Légionnaires-Rallye zur Verfügung. Es handelt sich dabei um ein Spiel, für das mobile Endgeräte wie Smartphone oder Tablet benötigt werden.

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