physical distancing

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Ein sozialer Kontakt wurde in der Umfrage als ein persönliches Gespräch von mehr als drei Wörtern in einem Abstand von weniger als zwei Metern definiert.

Zwischen März und August 2020 wurde auf science.lu sowie auf unseren sozialen Medienkanälen die Bevölkerung Luxemburgs mehrmals eingeladen, an einer Onlineumfrage über Physical Distancing im Rahmen der Corona-Krise teilzunehmen. Teilnehmer wurden gebeten anzugeben, wie viele physische Kontakte sie während und nach dem COVID-19-bedingten Lockdown hatten, und wo diese Kontakte stattgefunden hatten. Ziel der Umfrage war es, eine quantitative, evidenzbasierte Bewertung der Auswirkungen staatlicher Maßnahmen auf die sozialen Kontakte im Land zu liefern - und wie sich dies möglicherweise auf die Ausbreitung des Virus auswirken könnte.

Die Umfrage wurde gemeinsam vom Fonds National de la Recherche (der die Internetseite science.lu unterhält) und Wissenschaftlern des Service Epidemiologie und mikrobielle Genomik des Laboratoire nationale de santé (LNS) durchgeführt. Im Mai hatten wir auf science.lu bereits über die Zwischenergebnisse berichtet. Die Ergebnisse von März bis Juni 2020 wurden jetzt von den Wissenschaftlern in dem Fachmagazin PLOS ONE veröffentlicht.

Rückgang der Kontakte um mehr als 80% während des Lockdown

Vom 25. März bis zum 1. Mai nahmen insgesamt 5.644 Befragte mit einem Durchschnittsalter von 44,2 Jahren an der Online-Umfrage teil. Die Gesamtzahl der gemeldeten Kontakte betrug 18.118,  die durchschnittliche Anzahl der täglichen Kontakte 3,2, so Ardashel Latsuzbaia, Wissenschaftler am LNS: „Die Anzahl der Kontakte von in Luxemburg ansässigen Personen lag laut einer Studie vor der Pandemie bei 17,5, während sie während der Pandemie auf 3,2 sank, was einen Rückgang von mehr als 80% bedeutete.

Junge Menschen hatten dabei im Durchschnitt mehr Kontakte als ältere Menschen. Die Einwohner portugiesischer und luxemburgischer Nationalität verzeichneten eine leicht überdurchschnittliche Anzahl von Kontakten, und die in französischer Sprache durchgeführten Umfragen ergaben deutlich mehr Kontakte als die in deutscher und englischer Sprache. Zudem haben wir auch mit Blick auf den Ort der Kontakte signifikante Unterschiede festgestellt. Die höchste Anzahl fand demnach am Arbeitsort statt, die niedrigste in der Freizeit und im Supermarkt."

Wichtig zu unterstreichen ist, dass durch die freiwillige Teilnahme und die Einladung über science.lu die Studie nicht repräsentativ für die Bevölkerung ist. Einige Bevölkerungsgruppen sind unter- und andere überrepräsentiert. Dennoch liefern die Ergebnisse interessante Einblicke in das Sozialverhalten.

Signifikante Zunahme der Kontakte nach dem Ende des Lockdown

Nachdem sich bereits in der späteren Phase des Lockdown eine Zunahme der sozialen Kontakte abgezeichnet hatte, verstärkte sich diese Tendenz nach dessen Ende deutlich. Ardashel Latsuzbaia kommentiert: „Die durchschnittliche Zahl der täglichen Kontakte begann bereits während des Lockdown anzusteigen. Dieser Anstieg erfolgte nach dem Beginn der Phase 1 der Lockdown-Lockerung am 20. April, als Baustellen und Recyclingzentren wieder geöffnet wurden. Im Juni, also nach dem Lockdown, hat sich die Zahl der Kontakte dann mehr als verdoppelt, blieb aber dennoch um 60% niedriger als in der Zeit vor der Pandemie.

Diese Zunahme der Kontakte führte höchstwahrscheinlich zu einem Anstieg der viralen Reproduktionsrate, was dann wiederum die Ende Juni registrierte Zunahme der COVID-19-Fälle bedingte. Darüber hinaus fand mehr als die Hälfte der Kontakte in der Zeit nach dem Lockdown ohne das Tragen einer Gesichtsmaske statt, was das Übertragungsrisiko zusätzlich erhöhte. Eine weitere Umfrage, die im August nach der Veröffentlichung der Studie durchgeführt wurde, zeigte, dass die durchschnittliche Anzahl der Kontakte nach der zweiten Welle leicht abnahm."

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Gezielte und einfache Fragen gewährleisten eine hohe Beteiligung

Gemeinsam mit dem FNR rief der Service Epidemiologie und mikrobielle Genomik des Mikrobiologie Departments des LNS die Bevölkerung zwischen März und Juni über die Website science.lu sowie über soziale Medienkanäle dazu auf, an den insgesamt sechs Onlineumfragen teilzunehmen. Vier der Umfragen wurden während der Zeit des Lockdown selbst durchgeführt, zwei weitere fanden im Juni statt. Letztere dienten dazu herauszufinden, wie sich das Sozialverhalten nach der Lockerung bzw. der Aufhebung der Maßnahmen ändern würde.  

Die erste Phase der Erhebungen begann bereits am 25. März, eine Woche nach Beginn des Ausnahmezustands. Um eine hohe Beteiligung zu erzielen, umfassten die Umfragen bewusst nur eine geringe Anzahl an Fragen, wie Ardashel Latsuzbaia erklärt: „Während des Lockdown haben wir die Alterskategorie, die Anzahl der im Haushalt lebenden Personen, die Anzahl der Kontakte während der vorangegangenen 24 Stunden, die Nationalität sowie den Ort, an dem die meisten Kontakte stattgefunden hatten, abgefragt. Die Umfrage nach dem Lockdown umfasste dann weitere Fragen, um so auch die Anzahl der Kontakte zu ermitteln, die ohne das Tragen einer Gesichtsmaske stattgefunden hatten.“ 

Ein sozialer Kontakt wurde dabei als ein persönliches Gespräch von mehr als drei Wörtern in einem Abstand von weniger als zwei Metern definiert. Die geschätzte Gesamtzahl der Kontakte kam zustande, indem die gemeldete Zahl der Kontakte außerhalb des Haushalts zu der Zahl der im Haushalt lebenden Personen addiert wurde. Alle Studienteilnehmer wurden darüber informiert, wie die gesammelten Daten verarbeitet und genutzt werden sollten.

Studie bestätigt drei wesentliche Beobachtungen zu COVID-19

Laut Ardashel Latsuzbaia bestätigt die nicht repräsentative Studie drei wesentliche Beobachtungen im Zusammenhang mit COVID-19: „Unsere Studie deutet darauf hin, dass die strikten Maßnahmen zur physischen Distanzierung, die in Luxemburg umgesetzt wurden, erhebliche Auswirkungen auf die sozialen Interaktionen hatten, was konkret zu einer Reduzierung der durchschnittlichen Anzahl der täglichen Kontakte um mehr als 80% im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie führte. Dies würde auch erklären, warum die Zahl der Neuinfektionen zu Beginn der Krise so rasch zunahm und dann wieder ebenso rasch zurückging. Nach Ende des Lockdown stieg die durchschnittliche Zahl der Kontakte an, blieb aber um 60% niedriger als vor der Pandemie. Die letzte Umfrage, die dann im August durchgeführt wurde, zeigte einen leichten Rückgang der sozialen Kontakte, was die geringere Zahl der in den letzten Wochen gemeldeten Neuinfektionen erklären könnte. Darüber hinaus deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass ältere Personen die Restriktionsmaßnahmen im Vergleich zu jüngeren Personen besser einhalten, was zu erwarten war, da die Gefahr eines Krankenhausaufenthalts oder gar das Sterberisiko durch COVID-19 mit dem Alter zunimmt. ”

Link zur Studie: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0237128

Autor:  LNS
Editor: Michèle Weber (FNR)

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Über das Laboratoire national de santé

Das Laboratoire national de santé (LNS; www.lns.lu) ist ein öffentlicher Gesundheitsakteur, der mit seiner internationalen Expertise eine wesentliche Säule des Gesundheitssystem Luxemburgs sowie der Nachbarregionen bildet. Bereits seit 1980 unter diesem Namen firmierend, wurde das LNS in seiner jetzigen Form durch das Gesetz vom 7. August 2012 geschaffen. Unter der Schirmherrschaft des Luxemburger Gesundheitsministeriums ist das LNS heute ein interdisziplinäres Institut, das mit seinem komplementären Team aus mehr als 300 MitarbeiterInnen relevante Exzellenz im Dienste der Gesundheit von Land und Leuten anbietet. An seinem im Jahr 2013 eingeweihten Sitz in Dudelange verfügt das LNS hierzu über seine vier wissenschaftlichen Abteilungen in den Bereichen Biomedizin, Mikrobiologie, Rechtsmedizin und Gesundheitsschutz, sowie über das National Center of Pathology bzw. das National Center of Genetics. Neben dem Professionalismus jedes einzelnen Mitarbeiters und der gezielten Nutzung hochmoderner Technologien baut die Entwicklungsstrategie des LNS auf Forschungspartnerschaften und Projektkooperation mit unterschiedlichen Akteuren sowohl innerhalb Luxemburgs als auch auf europäischer Ebene auf.

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