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Wie lernt man am besten, wie prägen sich Erkenntnisse am besten ein? Durch ein gründliches Bücherstudium? Spannenden Vorlesungen? Eigenes Tun? Der Deutsche Bundesverband für Gedächtnistraining zumindest hat eine recht eindeutige Antwort: Durch letzteres. So blieben durch eigenes Tun 90% der Sinneswahrnehmungen hängen, wohingegen es beim Sehen und Hören nur 50% seien oder beim reinen Lesen nur 10%. Die Zahlen muss man sicherlich nicht als absolut belastbar ansehen, aber sie bestätigen doch eine Erfahrung, die man zum Teil selbst macht: Vom letzten guten Buch erinnert man nach einer Weile nicht mehr ganz so viel und Autofahren lernt man nicht vom Zuhören – beherrscht man es aber einmal durch praktische Übung, dann vergisst man es nicht mehr.

Ein erfolgreiches Pilotprojekt

Einem ähnlichen Ansatz folgt das Projekt „Fuerschen dobaussen“ (FuDo), in dem Lerninhalte den Kindern der Zyklen 2-4 nicht einfach als „Frontalunterricht“ im Klassenzimmer vermittelt werden – sondern, ganz lebendig, durch eigenes Erforschen draußen in der Natur und an der frischen Luft. Das kann beispielsweise auf dem Schulhof stattfinden, oder an verschiedenen Lernorten in der Nähe, wie beispielsweise an einem Teich oder im Wald. Jede Aktivität des FuDo-Projekts basiert dabei auf einer oder mehreren Forschungsfragen. Eine Frage kann entweder in einer 1-4 stündigen Forschungseinheit (FuDo-Fro) behandelt werden oder mehrere Fragen zu einem Thema werden auf einem (Wander-)Weg rund um die Schule (FuDo-Wee) bearbeitet.  

In einer Pilotphase wurden die neun Schulen der Direktion 10 Grevenmacher kartografiert und gemeinsam mit Lehrpersonen wurden Materialien entwickelt, die auf die Lernorte der einzelnen Orte abgestimmt sind. Hierfür haben die Bildungswissenschaftlerin Dr. Andrea Fiedler, die das Projekt leitet, und ihre Kollegen dann ein modulares Konzept für verschiedene Lerninhalte entwickelt. Sie habe Fotos der Wege aber auch der Schulgelände gemacht und überlegt, an welchen Stellen man welche Ideen umsetzen kann. Nachdem alles vorbereitet war haben sie einen „Basiskurs“ als Weiterbildung für die 360 Lehrpersonen der Schuldirektion 10 angeboten: „Wie forscht man draußen?“

Screenshot von fudo.lu. Angezeigt werden Lernorte (rosa Punkte mit Kreuzen) und Beispiele von Lerninhalten (Pop-Up Fenster) in der Gemeinde Grevenmacher.

Abbildung: Screenshot von fudo.lu. Angezeigt werden Lernorte (rosa Punkte mit Kreuzen) und Beispiele von Lerninhalten (Pop-Up Fenster) in der Gemeinde Grevenmacher. 

„Den Bereich der ‚Outdoor-Education‘ gibt es in Skandinavien bereits seit den 1970er Jahren“, berichtet die Bildungswissenschaftlerin Andrea Fiedler, die das Konzept zusammen mit der Lehrerin Véronique Kohnen und mit der Schuldirektion 10 (Region Grevenmacher) entwickelt hat. Finanziert wird das Projekt vom SCRIPT, der Abteilung für die Koordinierung der pädagogischen und technologischen Forschung und Innovation des Ministeriums für Bildung, Kinder und Jugend in Luxemburg. „Seit einiger Zeit findet das Konzept, draußen zu unterrichten, auch in anderen Länder zunehmend Anklang, wie etwa seit 2016 in der Schweiz oder seit 2010 in Schottland - und nun auch in Luxemburg.

Lernen, wie forschen funktioniert

Didaktisch beruht der Ansatz von Fiedler und ihren Kollegen auf der Methode des „forschend-entdeckenden Lernens“, die vor allem auf der Erkenntnis aufsetzen, dass Kinder in den Naturwissenschaften Methodenkompetenz erwerben müssen. Grundsätzlich entwickeln die Wissenschaftler für die jeweiligen Aufgaben dabei einen methodischen Dreiklang, den man so auch in universitären Arbeiten finden würde: Hypothesenbildung, Beobachtung/Messung und Ergebnisdarstellung/Ergebnisdiskussion. Ganz schön anspruchsvoll! Wenn die Kinder sehr jung sind, mag das natürlich manchmal etwas zu viel sein oder für die ganz Kleinen etwas langweilig - dann empfiehlt es sich, auf die Hypothesenbildung zu verzichten und gleich ans Eingemachte zu gehen. Während der Arbeiten gilt es in diesem Fall zu beobachten, welche Ideen sich spontan entwickeln. Egal, wie vollständig aber das Methodenspektrum umgesetzt wird, dahinter steht immer die gleiche Zielsetzung: Selbstständige Lernen fördern! Auf diese Weise lernen die Kinder, wie Wissen entsteht, statt vorgefertigte Antworten vorgesetzt zu bekommen.

Fotos: Andrea Fiedler

Ein Konzept für viele Fächer

Obgleich ein Schwerpunkt der Konzepte derzeit im Bereich der Naturwissenschaften liegt, sind diese hierauf aber bei weitem nicht beschränkt: So widmen sich die Schüler beispielsweise auch geschichtlichen Themen, wenn sie die Spuren des Sandsteinabbaus bei einer Dorferkundung verfolgen, die genutzten Sandsteine in Mauern der Städte suchen und in Karten eintragen. Oder wenn sie sich fragen: Welchen Hintergrund haben die Wassertürme einer Region, wo kommt das Trinkwasser her oder wie hat sich der Weinbau an der Mosel entwickelt? Im Rahmen eines fächerübergreifenden Unterrichts können entlang der verschiedenen Themen auch Sprach- und Mathematikunterricht gestaltet werden.

Jeder kann mitmachen

Das Pilotprojekt mit der Schuldirektion 10 Grevenmacher hat Fiedler mit ihrer Firma Outdoor Science SARL gerade abgeschlossen und ist dabei auf sehr gute Resonanz gestoßen. Nun geht es daran, dies dauerhaft zu implementieren, womit Fiedler vom SCRIPT beauftragt ist. An der Hälfte der Schuldirektionen haben Fiedler und ihre Kollegen bereits Partner gefunden, die lokale Ansprechpersonen für „Fuerschen dobaussen“ sind. Das Projekt läuft aber noch weiter und ist ein offenes Angebot auch für noch nicht eingebundene Schulen – Mitmachen, Mitforschen, Mitlernen, jeder ist eingeladen. Für Interessierte findet am 27. April 2023 der erste Teil einer IFEN-zertifizierten Basis-Weiterbildung (Online, von 14-16 Uhr) statt. Einschreiben kann man sich für diese auf der Internetseite des IFEN und mehr Infos zum Projekt gibt es auf www.fudo.lu oder in einem Video auf Youtube, das im Rahmen einer Nominierung für die Shortlist eines FNR Award for Outstanding Promotion of Science to the Public produziert wurde. 

Autor: Tim Haarmann
Redaktion: Michèle Weber
Fotos: shotshop.com, Andrea Fiedler

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