Die luxemburgische Sprache: Vom Aussterben bedroht? Keineswegs! Nicht zuletzt durch die sozialen Medien blüht sie geradezu auf, so Peter Gilles, Professor der Luxemburgistik an der Universität Luxemburg.

„Die sozialen Medien sind ein Glücksfall für das Luxemburgische. Sie öffnen einen Sprachraum ohne ausgeprägte soziale Kontrolle im Hinblick auf die Rechtschreibung. Die User schreiben einfach drauf los. Es gibt kaum Hemmungen, luxemburgisch als Schriftsprache zu benutzen“, sagt Peter Gilles.

Das Ergebnis: Mittlerweile wird über Facebook, Twitter, Chats oder SMS so viel auf Luxemburgisch geschrieben und gelesen wie kaum zuvor. Das Luxemburgische wird hiermit nachhaltig aufgewertet, so Peter Gilles: „Wenn wir eine Sprache schreiben, dann halten wir sie fest. Wir materialisieren sie. Dies ist beständiger als das Sprechen.“ Auch beliebte Internetseiten wie z.B. www.rtl.lu tragen dazu bei.

Hauptsache es wird geschrieben

Doch ist es ihm als Linguist kein Dorn im Auge, dass die Orthographie bei den modernen Kommunikationsmitteln oftmals außer Acht gelassen wird?

„Gerade weil dieser Zwang zur Rechtschreibung fehlt, wird das Schreiben des Luxemburgischen gefördert. Vor allem im informellen Bereich finde ich es nicht gravierend, wenn orthographische Regeln nur teilweise umgesetzt werden. Hauptsache es wird überhaupt geschrieben“, sagt der Linguistik-Professor. Wo nicht unbedingt angebracht, d.h. außerhalb von formalen sprachlichen Kontexten, könnte man erst in einer weiteren  Phase dazu kommen, stärker auf orthographische Korrektheit zu achten.

Kommunikation auf Facebook: Hauptsächlich auf Luxemburgisch

Ein Forscherteam um Peter Gilles hat sich konkret mit der Kommunikation auf Facebook beschäftigt. Hier kann man feststellen, dass auch ausländische Mitbürger teilweise auf luxemburgisch untereinander kommunizieren.  „Für Facebook gab es vorher kein Modell. Interessant ist, dass sich auf dieser internationalen Plattform das Luxemburgische im mehrsprachigen Kontext weitgehend durchgesetzt hat“, so Peter Gilles.

Integrationswille und Immigration

Ein weiterer Grund weshalb immer mehr Menschen Luxemburgisch sprechen, ist laut Peter Gilles das generell positive Image des Luxemburgischen für ausländische Mitbürger. Immer mehr Ausländer lernen neben ihrer Muttersprache Luxemburgisch, weil es dann einfacher ist, sich zu integrieren. Aber auch, weil immer mehr Stellenangebote Luxemburgisch-Kenntnisse verlangen, wie Forscher der Uni Luxemburg nachweisen konnten, indem sie Stellenangebote über die Jahre 1984 bis 2009 miteinander verglichen.

Ist die luxemburgische Sprache denn nun vom Aussterben bedroht?

Allgemein kann man sagen: Dadurch dass immer mehr Menschen nach Luxemburg ziehen und ein Teil von ihnen Luxemburgisch lernt, gibt es auch immer mehr Menschen, die Luxemburgisch verstehen und/oder sprechen.

Dass dies in den Debatten um das Aussterben der luxemburgischen Sprache oftmals vergessen wird, könnte daran liegen, dass der mehrsprachige Kontext in Luxemburg nicht berücksichtigt wird, so Peter Gilles: „Die Zahl der Personen, die Luxemburgisch als Erstsprache sprechen mag vielleicht stagnieren oder auch zurückgehen. Demgegenüber steht aber die wachsende Zahl der Personen, die Luxemburgisch als zweite, dritte oder vierte Sprache sprechen und/oder verstehen. Erst durch den Einbezug der vielfältigen mehrsprachigen Konstellationen kann der gegenwärtige Status des Luxemburgischen zuverlässig bestimmt werden.“

Autor: Jean-Paul Bertemes (FNR)

Infobox

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An der Uni Luxemburg wird nunmehr seit 4 Jahren ein Masterstudiengang in der Luxemburgistik angeboten und erste Luxemburg-Lehrer wurden ausgebildet, um nun in Schulen Luxemburgisch zu unterrichten.

Soziale Medien: Schriftsprache oder mündliche Kommunikation?

Ob man im Bereich der Sozialen Medien überhaupt von Schriftsprache sprechen kann, ist unter Forschern umstritten. Einige sind der Meinung, dass solche Texte eher eine spezielle Form der mündlichen Kommunikation materialisieren.

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