(C) Patrick Muller

Ein langsam fortschreitender Verlust von Nervenzellen, häufig charakterisiert durch Demenz (Verlust bereits erworbener Denkfähigkeiten) oder Bewegungsstörungen – dies sind die Hauptmerkmale einer neurodegenerativen Erkrankung. Am Bekanntesten sind hier wohl Alzheimer und Parkinson.

„Beide Krankheiten sind altersbedingt; diese und andere chronische Erkrankungen der Wohlstandsgesellschaft werden, demographisch bedingt, in Zukunft zunehmen. Dem sollten wir uns jetzt stellen,“ äußert Prof. Dr. Rudi Balling, Direktor des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB).

Die Systembiologie versucht, den Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilchen in unserem Körper zu erkennen. Wie die Zahnräder, Federn und Schräubchen in einem Uhrwerk arbeiten auch die Gene und Proteine und viele andere Stoffe in unserem Körper zusammen und bilden so verschiedene Systeme.

Am Beispiel Leber lässt sich dies illustrieren: Das Organ ist ein System an sich, doch darin verschachtelt gibt es kleinere Systeme, etwa die Leberblutgefässe oder die Gruppierung der Gallengangszellen. Doch auch das Organ Leber ist wiederum Bestandteil eines viel größeren Systems, des menschlichen Körpers.

Das an der Uni Luxemburg ansässige LCSB hat sich die neurodegenerativen Krankheiten zu einem seiner Fachgebiete gewählt. Die Wissenschaftler untersuchen die Beziehung zwischen der bei Alzheimer und Parkinson auftretenden Entzündung der Nervenzellen und dem darauf folgenden Zelltod.

Creutzfeld-Jakob-Krankheit: Ein ähnlicher Vorgang?

Eine beachtliche Grundlage zur systembiologischen Erforschung neurodegenerativer Krankheiten hat vor einigen Jahren bereits ein wichtiger Partner des LCSB, das Institute for Systems Biology in Seattle, mit einer Arbeit über Prionen geliefert.

Prionen sind körpereigene Proteine, die durch eine spontane Strukturänderung krankheitserregend werden können: Beim Menschen sind sie für die Creutzfeld-Jacob-Krankheit (CJK) verantwortlich. Die Studie nutzte Prinzipien der Systembiologie, um tiefere Einsichten in die Mechanismen der Prionen-Erkrankungen zu erlangen – mit Erfolg.

Wie bei Alzheimer und Parkinson, sind auch bei CJK Entzündungen ein wichtiger Faktor in der Krankheitsentwicklung. Obwohl die Auslöser von Alzheimer und Parkinson noch nicht genau bekannt sind, sieht es laut Balling doch so aus, als ob der Verlauf beider Krankheiten nach Auftreten der Nervenentzündung ganz ähnlich wie bei CJK erfolgen könnte.

In den zukünftigen Studien am LCSB will man versuchen, sowohl solche eventuellen Gemeinsamkeiten, als auch Unterschiede zwischen den einzelnen Demenzkrankheiten zu ergründen. Schritt für Schritt arbeitet man sich so immer näher an das große Ziel, nämlich die Heilung dieser Krankheiten, heran.

Autor: Liza Glesener

Foto: © Patrick Muller

Infobox

Zusammenarbeit treibt die Forschung voran

Nicht nur das LCSB beschäftigt sich in Luxemburg mit neurodegenerativen Krankheiten; auch die bereits länger an der Uni etablierte Gruppe um Dr. Paul Heuschling forscht an Methoden zur Heilung der Alzheimerkrankheit. Beide Gruppen forschen zum Teil separat, arbeiten aber auch gemeinsam an Projekten: Ein solcher Austausch an Erfahrung treibt die Forschung voran.

 

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